141019 bildungsbeilage zu fremdsprachen nzz

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  • NZZamSonntag 19. Oktober 2014

    Bildung

    AbwannsollenKinderFremdsprachen lernen?Undwelchesoll indenSchulenzuerst

    kommen?DiepolitischeDebatteundwissenschaftlicheHintergrnde

    AufruhrimLand

    dervielenSprachen

    SONJARUCKSTUHL

  • 2NZZamSonntag 19. Oktober 2014

    Bildung

    H

    och ber den Wolken,

    irgendwo zwischenKa-

    nada und der Schweiz,

    hat er eine Notiz ge-

    macht. Und damit den

    helvetischen Sprach-

    frieden zu Grabe getra-

    gen. Er, das ist Ernst Buschor, Erzie-

    hungsdirektor im Kanton Zrich von

    1995 bis 2003. Er wird gemeinhin ge-

    nannt, wenn man nach der Ursache fr

    den Sprachenstreit fragt, der die Schweiz

    seit bald zwei Jahrzehnten bald mehr,

    bald weniger beschftigt.

    Buschor befand sich 1996 auf dem

    Rckflug von einem internationalen bil-

    dungspolitischenKongress. Europa aller-

    dings war dort kein Thema gewesen. Die

    Begrndung: We are not interested in

    the museum of the world, wie ein sd-

    koreanischer Delegierter auf denHinweis

    Buschors auf wichtige europische Ent-

    wicklungen sagte. Europawar rckstn-

    dig, erinnert sich Buschor. Englisch und

    Informatik hatten einen geringen Stel-

    lenwert, die Bildungspolitik war intro-

    vertiert und konservativ.

    Auf besagtemRckflug also skizzierte

    Buschor auf einem Blatt Papier das Bild

    einer modernen Schule mit Computern

    im Klassenzimmer und vor allem: mit

    Englischunterricht ab der ersten Primar-

    schulklasse. Zurck in Zrich,wies er sei-

    ne Mitarbeiter an, ein solches Schulpro-

    jekt zu lancieren mit der Idee, es spter

    verbindlich einzufhren. Ein Jahr spter

    prsentierte Zrich das Schulprojekt 21.

    Es brach ein Gewitter der Entrstung

    los ber dem Zrcher Reformturbo, wie

    er es nie vorausgesehen hatte. Man ist

    mir beinahe an den Kopf gesprungen.

    Der damalige Prsident der Erziehungs-

    direktorenkonferenz (EDK), der Berner

    Peter Schmid, kritisierte das Vorpreschen

    seines Zrcher Amtskollegen als Affront

    fr die Romands. Und die Genfer Bil-

    dungsministerin Martine Brunschwig

    Graf sah das Ende des Frhfranzsisch in

    der Deutschschweiz, noch bevor es rich-

    tig eingefhrt wordenwar: Ich befrch-

    tete, dass die Einfhrung des Englisch in

    EineFrage

    spaltetdas

    Land

    WelcheFremdsprache soll zuerst gelehrtwerden?Andieser

    Frage reiben sichPolitiker, Fachleute, Sprachregionen seit

    Jahrzehnten.AmAnfangdesSchweizer Sprachenstreits

    standenZrcherSchulreformplne, amEndeknnteer zueiner

    nationalenAbstimmung fhren.VonRenDonz

    der Primarschule frher oder spter zur

    Diskussion ber die beiden Fremdspra-

    chen fhrt, sagt sie heute. Und ich ging

    davon aus, dass wir Romands dabei am

    Ende verlieren wrden. Sie sollte nicht

    ganz unrecht haben.

    Welschewaren zuerst

    Dabei hatten die Kantone damals gerade

    erst den Fremdsprachenunterricht eini-

    germassen koordiniert. Langewar dieser

    weitgehend der hheren Bildung vorbe-

    halten gewesen. In den 1960er Jahren

    kames dann zu ersten Schulversuchen in

    der Primarschule. Erste Kantone, etwa

    das Wallis, fhrten Anfang der 1970er

    Jahre das Obligatorium ein. Flchen-

    deckend wurden die frhen Fremdspra-

    sprache automatisch eine zweite Landes-

    sprache gemeint nicht etwa Englisch,

    sagt Zemp.

    Der Weg schien also in den neunziger

    Jahren definitiv frei fr eine nationale

    Sprachenstrategie, als der Zrcher Regie-

    rungsrat Buschor mit seinem Frheng-

    lisch den Frieden strte. Auch andere

    Kantone, vorab aus der Ost- und Inner-

    schweiz, untersttzten die Frhenglisch-

    frderung und bestritten die Kohsions-

    gefhrdung. Franzsisch statt Englisch

    an der Primarschule schien, vorab aus

    wirtschaftlicher Sicht, durchaus auch

    seine Logik zu haben. Untersttztwurde

    der Zrcher Schulversuch denn auch aus

    Wirtschaftskreisen.

    Der Kampf der Kantone

    ImWissen darum, dass Zrich ein Signal

    aussendet, welches die zweite Landes-

    sprache an der Primarschule gefhrden

    knnte, versuchte die EDKdas Frhfran-

    zsisch zu retten. 1998 gab sie die Emp-

    fehlung ab, mit dem Englisch obligato-

    risch erst ab der 7. Klasse zu beginnen.

    Doch Zrich liess sich nicht beirren: Wir

    htten das Frhenglisch auch im Allein-

    gang eingefhrt, sagt Buschor. An der

    denkwrdigen Plenarversammlung der

    Erziehungsdirektoren im Jahr 2000 in

    Montreux kam es zu hitzigen Diskussio-

    nen zwischen den Befrwortern von

    Englisch und jenen einer zweiten Lan-

    dessprache an der Primarschule. Doch

    eine Einigung scheiterte an den schier

    unvereinbaren Haltungen Zrichs und

    derWestschweizer Kantone.

    Erst 2004 konnten sich die Erzie-

    hungsdirektoren zumModell 3/5 durch-

    ringen: einem Kompromiss, mit dem

    zwei Fremdsprachen auf die Primarstufe

    verlegt wurden. Die erste Fremdsprache

    wird sptestens in der dritten Klasse, die

    zweite in der fnften Klasse eingefhrt.

    Mit diesemKompromiss konnten die Er-

    ziehungsdirektoren auch verhindern,

    dass sich der Bund in den Sprachenstreit

    einmischt. Dort hatte eine parlamenta-

    rische Initiative von Didier Berberat im

    Nationalrat bereits 2001 eine Mehrheit

    BS

    BL

    SO

    AG ZH

    SH

    TG

    AI

    AR

    SG

    2. Landessprache / Englisch

    Franzsisch ab dem 3. Schuljahr

    Englisch ab dem 5. Schuljahr

    Deutsch ab dem 3. Schuljahr

    Englisch ab dem 5. Schuljahr

    Englisch / 2. Landessprache

    Englisch ab dem 3. Schuljahr (ZH: 2. SJ)

    Franzsisch ab dem 5. Schuljahr

    Englisch ab dem 3. Schuljahr

    Franzsisch ab dem 6. (AG)

    oder 7. SJ (AI, UR)

    Besondere Lsungen

    GR: D., I. oder Romanisch ab dem 3. SJ,

    E ab dem 5. SJ

    TI: F ab dem 3. SJ,

    D ab dem 7. SJ, E ab dem 8. SJ

    3./5./7. Schuljahr =

    7./9./11. Schuljahr nach Harmos

    GL

    GR

    UR

    SZ

    ZG

    OW

    NW

    TI

    VS

    BE

    FR

    VD

    JU

    NE

    GE

    LU

    Stand der Umsetzung des Fremdsprachenunterrichts in der Primarschule

    Beschrnkte Koordination

    Quelle: Ich lerne Sprachen, Informationsbroschre der Erziehungsdirektorenkonferenz 2013

    Sprachunterricht der alten Schule im Sprachlabor. (1. 3. 1999)

    chen 1975 zumThema. Dann empfahl die

    EDKdenKantonen denUnterricht ab der

    4. oder 5. Klasse. Dabei ging es nicht nur

    um eine Vorverlegung der Sprachver-

    mittlung, sondern auch umderen didak-

    tische Optimierung, bessere Lehrmittel

    und Ausbildung der Lehrer. In der West-

    schweiz, dem Tessin und den zweispra-

    chigenKantonenwurde der Empfehlung

    rasch Folge geleistet. Die Deutsch-

    schweiz hinkte hinterher. In mehreren

    Kantonen blockierten Volksinitiativen

    das Frhfranzsisch, die jedoch dann

    verworfen wurden (Thurgau und Zrich

    1988, St. Gallen 1989).

    Der Siegeszug der Fremdsprachenwar

    fr die Sprachminderheiten ein Erfolg:

    Das frhe Lernen einer zweiten Landes-

    sprache ist auch ein Zeichen der Zuwen-

    dung zur anderssprachigen Bevlkerung

    der Schweiz, sagt Brunschwig Graf. Es

    sei auch eine Frage der nationalen Koh-

    sion. Die Nachkriegsgenerationen dies-

    und jenseits der Saane sollten einander

    besser verstehen lernen.

    Auch der Schweizerische Lehrerverein

    (SLV)machte sich damals fr Frhfremd-

    sprachen stark. Die Lehrerinnen und

    Lehrer erkannten schon frh den Wert

    von Fremdsprachen in der Bildung der

    Kinder und Jugendlichen. Damitwerden

    ihre Berufsperspektivenmassiv verbes-

    sert, sagt Beat Zemp, Prsident des SLV-

    Nachfolgeverbandes LCH (Dachverband

    Lehrerinnen und Lehrer Schweiz). Und

    selbstverstndlichwarmit frher Fremd-

    PATRICKLTHY/RDB

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    gefunden, wonach als zweite Sprache

    eine Amtssprache gelehrt werden soll.

    Im Sprachenkompromiss einigten sich

    die Deutschschweizer Kantone nahe der

    Sprachgrenze darauf,mit Franzsisch zu

    beginnen, jene weiter stlich mit Eng-

    lisch. Die Romandie beginntmit Deutsch

    und lehrt Englisch als zweite Fremdspra-

    che. Am Ende sollten alle Schler in bei-

    den Sprachen dieselben Grundkompe-

    tenzen erreichen. Das war ein politi-

    scher Kompromiss und kein pdagogi-

    sches Konzept, sagt Buschor. Auch da-

    gegenwurden in fnf KantonenVolksin-

    itiativen lanciert: Diesmal nicht explizit

    gegen Frhfranzsisch, sondern