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Leitthema - Springer · (2002) [58]x x x x x x x x Brune (2002) [23]x xx xx x xx Burmester (2014) [24]x x x Butollo (2012) [25]x xx x xx xx Casal (2005) [26]xx x xx x Claassen (2005)

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  • Leitthema

    Bundesgesundheitsbl 2016 · 59:599–620DOI 10.1007/s00103-016-2336-5Online publiziert: 18. April 2016© The Author(s) 2016 . This article is availableat SpringerLink with Open Access

    Kayvan Bozorgmehr1 · Amir Mohsenpour1 · Daniel Saure3 · Christian Stock3 ·Adrian Loerbroks4 · Stefanie Joos2 · Christine Schneider11 AbteilungAllgemeinmedizin und Versorgungsforschung, UniversitätsklinikumHeidelberg, Heidelberg,Deutschland

    2 Institut für Allgemeinmedizin und Interprofessionelle Versorgung, Universitätsklinikum Tübingen,Tübingen, Deutschland

    3 Institut für Medizinische Biometrie und Informatik (IMBI), UniversitätsklinikumHeidelberg, Heidelberg,Deutschland

    4 Institut für Arbeitsmedizin und Sozialmedizin, UniversitätsklinikumDüsseldorf, Düsseldorf, Deutschland

    Systematische Übersicht und„Mapping“ empirischer Studiendes Gesundheitszustands undder medizinischen Versorgungvon Flüchtlingen undAsylsuchenden in Deutschland(1990–2014)

    Aus internationalen Studien ist belegt,dass Asylsuchende und Flüchtlinge einehöhere Krankheitslast aufweisen undhäufiger an psychischen, Infektions-und nicht übertragbaren chronischenErkrankungen leiden [1–4]. Die Ge-sundheit und medizinische Versorgungvon Asylsuchenden und Flüchtlingenist daher in besonderem Maße vonzielgruppenspezifischen Angeboten ab-hängig. In Deutschland fehlt jedoch einesolide Datenbasis, auf deren GrundlagePlanung, Evaluation, Monitoring oderSurveillance erfolgen kann [5].

    Somit bleiben gesundheitliche Aus-wirkungen unerkannt, die mit poten-ziellen Gesundheitsdeterminanten ver-schiedenerMigrationsphasen(Prä-,Peri-und Postmigration) einhergehen. Diesgilt insbesondere für die Postmigrati-onsphase mit Beginn der Ankunft inDeutschland: Die mit dem Asylverfah-ren verbundenen Lebensumstände inErstaufnahmeeinrichtungen oder Sam-melunterkünften, häufige Relokationenzwischen Bundesländern, Landkreisen

    und Kommunen sowie die generell un-sichere Zukunftsperspektive aufgrundeines prekären Aufenthaltsstatus sindallesamt potenziell belastende Fakto-ren, die sich negativ auf die Gesundheitauswirken können.

    Die seit dem 1.11.1993 eingeführtenrechtlichen Regelungen des Asylbewer-berleistungsgesetzes (AsylbLG) seheneinen eingeschränkten Zugang zur Ge-sundheitsversorgung für Asylsuchendevor. Diese Regelungen werden seit den1990er-Jahren immer wieder kritisiert,so zum Beispiel durch Einzelfallberichteaus den Medien [6, 7] oder Erfahrungs-berichte aus der Arbeit zivilgesellschaft-licher Organisationen und Versorger [8,9]. Die möglichen systemischen Auswir-kungen der Regelungen des AsylbLG aufVersorgungsaspekte wie Zugang, Quali-tät oder Kosten bleiben aber aufgrundfehlender Routinestatistiken weitgehendverborgen.

    Umso wichtiger ist daher der Beitragempirischer Studien, die den Gesund-heitszustand bzw. die medizinische Ver-

    sorgung von Asylsuchenden und Flücht-lingen beleuchten. Damit der Beitrag derWissenschaft seine größtmögliche Wir-kung entfalten kann, ist es wichtig, beste-hendesWissenzusammenzutragen,Red-undanz zu vermeiden und Forschungs-lücken zu identifizieren, die für die he-terogene Bevölkerungsgruppe der Asyl-suchendenund Flüchtlinge und/oder fürEntscheidungsträger und Versorger rele-vant sind. Um zielgerichtete Forschungs-anstrengungen zu ermöglichen, ist eineÜbersicht der Forschungslandschaft un-erlässlich.

    Im Jahr 2014 nahmen wir das 20-jährige Bestehen des AsylbLG als An-lass, diese Lücke zu schließen und einesystematischeÜbersicht der Forschungs-landschaft zur Gesundheit und Gesund-heitsversorgung von Asylsuchenden undFlüchtlingen zu erstellen. Ziel dieser sys-tematischen Übersichtsarbeit ist es an-hand eines evidence mappings darzule-gen,welcheAspekte derGesundheitsver-sorgung und des GesundheitszustandsvonAsylsuchendendieForschungbereits

    Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 5 · 2016 599

    http://crossmark.crossref.org/dialog/?doi=10.1007/s00103-016-2336-5&domain=pdf

  • Leitthema

    abdeckt, was aus diesen Forschungser-gebnissen bekannt ist und wo ungedeck-ter, prioritärerForschungsbedarf besteht.

    Methoden

    Studiendesign

    Bei der vorliegenden Arbeit haben wirdas klassische Vorgehen der systemati-schen Literaturrecherche um den Ansatzdes evidence mappings ergänzt [10].Hierbei ist der Anspruch, eher die For-schung zu einem spezifischen Bereichin ihrer ganzen Breite abzubilden imGegensatz zur Darstellung von Befun-den zu einem spezifischen Teilaspekt.Vor Beginn der Recherche wurde einReview-Protokoll erstellt, in einem pro-spektiven Register registriert (PRO-SPERO 2014:CRD42014013043) und ineiner Peer-Review Zeitschrift publiziert[11]. An dieser Stelle werden daher nurdie wichtigsten Angaben der PRISMA-Guidelines aufgeführt.

    Suchstrategien

    Es wurden drei Suchstrategien verfolgt:1. die Suche in insgesamt elf biblio-

    grafischen Datenbanken (PubMed/MEDLINE; ISI Web of Science; In-ternational Bibliography of SocialSciences; Sociological Abstracts;Social Science Citation Index; World-wide Political Science Abstracts;CINAHL; Sowiport; ASSIA; Med-pilot; Deutsche Nationalbibliothek)sowie im Internet (über Google) zurIdentifizierung grauer Literatur. DieSuche in den jeweiligen Datenban-ken fand im August bzw. September2014 statt (Web of Science, Medpilot:22/08/14; SSCI, ASSIA: 24/08/14;Sowiport: 25/08/14; PubMed, IBSS,Sociological Abstracts, WPolScA:09/09/14; CINAHL, DNB: 30/09/14;Google: 02/09/14)

    2. Durchsicht der Referenzlisten einge-schlossener Artikel

    3. Anfrage bei 47 Experten aus 31 Or-ganisationen nach grauer Literatur

    Retrospektiv gab es bei der Suche kei-ne zeitliche Beschränkung. Erst währenddes Volltextscreenings wurde differen-

    ziert zwischen Studien, die vor 1990 bzw.seit 1990 publiziert wurden.

    Suchbegriffe

    Internationale Datenbanken wurden mitden Suchbegriffen ((refugee* OR asy-lum*) AND (health* OR access OR utili-zation) AND german*), deutschsprachi-gemit denBegriffen (FlüchtlingOR asyl*AND gesundheit*) durchsucht. Die Su-chen erfolgten in Titeln, Abstracts undSchlüsselbegriffen ohne Einschränkun-gen bzgl. Zeitraum oder Sprache. Fürdie Internetsuche wurden unterschiedli-che Suchbegriffkombinationen verwen-det (s. Review-Protokoll [11]).

    Ein- und Ausschlusskriterien

    Eingeschlossen wurden Artikel, die(i) empirisch waren (d. h. quantitativeoder qualitative Primärstudienunabhän-gig von ihrer Datenquelle sowie Reviewsempirischer Studien), (ii) Asylsuchen-de oder Flüchtlinge in Deutschland alsdifferenzierbare Studienpopulation an-gaben, (iii) einen Gesundheits- oderVersorgungsparameter als Zielgröße be-richteten und (iv) auf Deutsch oderEnglisch verfasst waren.

    IndieEvidenzsyntheseunddas„Map-ping“ wurden nur Artikel eingeschlos-sen, die im Jahr 1990 oder später publi-ziert wurden. Die Art der jeweils unter-suchtenZielgröße stellte keinEinschluss-/Ausschlusskriteriumdar, sofernsiemin-destens einen Bereich der Gesundheit(körperliches, seelisches, soziales Wohl-befinden) und/oder der medizinischenVersorgung adressierte (s. Review-Pro-tokoll [11]).

    Ausschlusskriterien: unklare Studien-populationen (z. B. Migranten1 ohne ge-nauere Angaben; fehlende stratifizierteErgebnisse fürAsylsuchende/Flüchtlingeals Teil genereller Migrantenpopulatio-nen); undokumentierte/illegalisierte Mi-granten sowie Artikeltypen, die nicht der

    1 ImvorliegendenBeitragwirdausGründendersprachlichenVereinfachung nur die männliche(Berufs-/Personen-) Bezeichnung verwendet.Es sind jedoch stets Personen männlichenund weiblichen Geschlechts gleichermaßengemeint.

    empirischen Literatur zuzuordnen wa-ren (Kommentare, Diskussionspapiere,journalistische Interviews,PolicyBerich-te, Bücher, Tagungsbände, Kongress-Ab-stracts ohne verfügbare Volltexte). ImLaufe desAuswahlprozesses (siehe nach-folgend) wurden die Ausschlusskriterienergänzt um Studien, die ausschließlichAussiedler, Binnenflüchtlinge im Rah-men des zweitenWeltkriegs oder Flücht-linge aus der ehemaligen Deutschen De-mokratischen Republik (DDR) als Stu-dienpopulation angaben.

    WeiterhinwurdeeineResidualkatego-rie für jeneStudienerstellt, die formelldieEinschlusskriterien erfüllten, jedoch vor1990 publiziert wurden und bereits his-torischen Charakter hatten, die interna-tionale Studien ohne stratifizierte Datenfür Deutschland oder Sekundärliteraturdarstellten, die nicht ausschließlich aufempirischem Material beruhte.

    Studienauswahl

    Die Studienauswahl erfolgte in zweiSchritten: 1.) unabhängiges Screeningvon Titeln und Abstracts gefundenerTreffer durch jeweils zwei Reviewer(50%: Christine Schneider [CS], KayvanBozorgmehr [KB]; 50%: Amir Mohsen-pour [AM], Stefanie Joos [SJ]), 2.) un-abhängiges Screenen der Volltexte allerim ersten Schritt als geeignet bewertetenTreffer durch zwei Reviewer (CS, AM).In beiden Schritten wurden diskrepanteRatings in Konsensusmeetings mit min-destens drei Reviewern des Kernteams(KB, SJ, AM, CS) diskutiert und einver-nehmlich ein- oder ausgeschlossen.

    Gütekriterien der Suchstrategie

    Als Gütekriterien der Suchstrategie wur-den die Spezifität (Anteil geeigneter Ar-tikel an allen Treffern) sowie anhand ei-nes (vom Studienprotokoll abweichen-den) Test-Sets [12–17] die Sensitivitäterrechnet (Anteil geeigneter Artikel anallen richtig positiven).

    Datenextraktion

    Auf Grundlage international empfohle-ner Reporting-Items für Beobachtungs-studien (STROBE) und qualitative Studi-

    600 Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 5 · 2016

  • Zusammenfassung · Abstract

    Bundesgesundheitsbl 2016 · 59:599–620 DOI 10.1007/s00103-016-2336-5© The Author(s) 2016

    K. Bozorgmehr · A. Mohsenpour · D. Saure · C. Stock · A. Loerbroks · S. Joos · C. Schneider

    Systematische Übersicht und „Mapping“ empirischer Studien des Gesundheitszustands und dermedizinischen Versorgung von Flüchtlingen und Asylsuchenden in Deutschland (1990–2014)

    ZusammenfassungHintergrund. Aufgrund fehlender Rou-tinestatistiken des Gesundheitsstatusund der medizinischen Versorgung vonAsylsuchenden kommt empirischen Studieneine besondere Rolle bei der Abbildung dieserAspekte zu.Ziel der Arbeit (Fragestellung). Ziel diesesReviews ist es, die Forschungslandschaftin diesem Bereich umfassend abzubilden,empirische Erkenntnisse zu synthetisieren undprioritären Forschungsbedarf abzuleiten.Methoden. Eine dreigliedrige Suchstrategieumfasste die Suche nach empirischen Studienin nationalen/internationalenDatenbankenund im Internet, das Durchsuchen vonReferenzlisten sowie Anfragen an Experten.Alle Studien, die vorab festgelegte Einschluss-kriterien erfüllten, wurden in einer Evidenz-Map thematisch strukturiert und in einernarrativen Synthese beschrieben.

    Ergebnisse. Die Suche ergab 1190 Treffer.Davon erfüllten 52 Artikel alle Einschluss-kriterien. Es lagen 41 quantitative Studien(78,9 %), 10 qualitative (19,2 %) und einReview (1,9 %) vor. Insgesamt 30 Primär-studien (58,9 %) untersuchten Aspekteder psychischen Gesundheit, gefolgt vonInfektionskrankheiten (n = 12, 23,5 %). Diequalitativen Studien, meist Ethnografienund Fallstudien, thematisierten psychischeErkrankungen und soziale Determinantender Gesundheit und belegen einen Einflussder Lebensumstände auf Gesundheit undVersorgung. Wenige Studien untersuchtenchronische Erkrankungen (n = 3) oderErkrankungen bei Kindern (n = 6), keine Studiedie Bedarfe/Versorgung von Frauen währendSchwangerschaft und Geburt. In 62,7 % allerPrimärstudien wurden Asylsuchende aneinem einzigen Standort rekrutiert. Bei 2

    quantitativen Studien lag eine überregionaleexterne Validität vor.Schlussfolgerung. Forschungsbedarf liegt vorallem im Bereich chronischer Erkrankungen,Kinder- und Müttergesundheit vor. DieDivergenz und Heterogenität der Studienerschweren einen übergreifenden undvergleichbaren Erkenntnisgewinn undbetonen die Notwendigkeit kollektiverForschungsanstrengungen, um die in diesemBereich bestehenden Wissenslücken zuschließen.

    SchlüsselwörterAsylsuchende · Systematischer Review ·Gesundheit · Medizinische Versorgung ·Evidenz-Map

    Systematic review and evidence mapping of empirical studies on health status andmedical careamong refugees and asylum seekers in Germany (1990–2014)

    AbstractBackground. Owing to a lack of routinestatistics on the health status and medicalcare of asylum seekers, empirical studies playa major role in the mapping of these aspects.Objectives. The aim of this review is toprovide a comprehensive overview of theresearch landscape in this area, synthesizingknowledge from empirical studies andidentifying evidence gaps.Methods. A three-tiered search strategyincluded searching for empirical studiesin national/international databases andon the internet, screening reference lists,and contacting experts. Studies meetingpredefined inclusion criteria were thematicallyorganized and described in a narrativesynthesis.

    Results. The searches generated 1,190 hits;52 articles met the inclusion criteria. Ofthese, 41 were quantitative studies (78.9 %),10 qualitative (19.2 %), and 1 was a review(1.9 %). A total of 30 primary articles (58.9 %)analyzed mental health aspects, followedby infectious diseases (n = 12, 23.5%).Qualitative studies, mainly ethnographiesand case studies, explored mental healthand social determinants of health, providingevidence for the impact of living conditions onhealth and medical care. Few studies analyzedchronic diseases (n = 3) or childhood illnesses(n = 6). No studies analyzed the health needsor medical care of asylum-seeking womenduring pregnancy and child birth. In 62.7 %of the primary studies, a single sampling

    point was used to recruit asylum seekers.Nationwide external validity was given in twoquantitative studies.Conclusion. The priority research areasidentified are chronic diseases and childhoodand maternal health. The divergency andheterogeneity of the studies hamper acomprehensive and comparable acquisitionof knowledgeand emphasize the need forcollaborative research to close the existingevidence gaps.

    KeywordsAsylum seekers · Systematic review · Healthstatus · Medical care · Evidencemap

    en (COREQ) wurden Extraktionsformu-lare entwickelt, pilotiert und auf die ein-geschlossenen Artikel angewendet, umrelevanteAngabensystematischzuextra-hieren (Fragestellungen, Studienpopula-tionen, Gesundheitsparameter, Versor-gungsdomänen, Zielgrößen in quantita-tiven Studien bzw. Haupt- undNebenka-tegorien in qualitativen Studien, berich-

    tete Limitationen, Angaben über Verall-gemeinerbarkeit). Nach Pilotierung, Ad-aptierung und Konsentierung der Ex-traktionstools wurden 50% der einge-schlossenenArtikel durchCS, die andereHälfte durch AM extrahiert. Die extra-hierten Angaben aller eingeschlossenenArtikelwurdendurchdenErstautor (KB)

    unter Heranziehen der Volltexte über-prüft.

    Bewertung der Gütekriterieneingeschlossener Artikel

    Abweichend vom Review-Protokoll [11]wurde keine Bewertung der Gütekri-terien (d. h. critical appraisal) der ein-

    Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 5 · 2016 601

  • Leitthema

    Abb. 18 Flowchart des Screeningprozesses. (Nach demModell vonMoher et al. [70])

    geschlossenen Artikel vorgenommen.Hauptgründe waren die Heterogeni-tät der Studientypen und die darausresultierende Problematik mangelnderAnwendbarkeit und Vergleichbarkeitgängiger Scoring-Systeme. Stattdessenerfolgte bei quantitativen Studien eineEinordnung der „Evidenzstärke“ anhandder Levels of Evidence (LoE) des OxfordCentre for Evidence-based Medicinenach den jeweils vorliegenden Studien-typen der Primärartikel [18]. Weiterhinwurden in den Extraktionsformularen

    bei allen Studien zusätzliche Limita-tionen, d. h. über die in den Artikelngenannten hinaus, von den Reviewernvermerkt und zur finalen Einschätzungder externenValidität herangezogen.AufGrundlage der berichteten Limitationen,der berichteten externen Validität sowieder von den Reviewern vermerkten zu-sätzlichen Limitationen haben wir diequantitativen Studien nach ihrer exter-nen Validität beurteilt und aufgeführt,ob in den Studien Generalisierbarkeitlokal, regional, überregional oder nicht

    gegeben ist. Lokal beschreibt dabei dievorhandene Verallgemeinerbarkeit fürdie Population einer Asylunterkunft, re-gional die Generalisierbarkeit auf eineStadt/Region eines Bundeslands, über-regional die Verallgemeinerbarkeit übermehr als ein Bundesland hinaus. Die ex-terne Validität wurde als nicht gegebengewertet, wenn diese laut Angaben derAutoren der Primärstudien nicht vorlagund/oder schwerwiegende Limitationenseitens der Reviewer vermerkt wurdenund/oder Gefälligkeitsstichproben, un-

    602 Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 5 · 2016

  • Tab. 1 Übersicht der eingeschlossenen Primärstudien (n=51) undder adressiertenGesundheits-/Versorgungsdomäne, der Designs sowie der Set-tings der Studien

    Autor/-in(Jahr)

    Ref.Nr,

    Qua-li-ta-tiv

    Quan-tita-tiv

    Phy-sisch

    Psy-chisch

    PTBS SWB In-fek-tion

    NCD Müt-ter

    Kin-der

    Soz.Det

    Vers.Zu-gang

    Un-gleich-heit

    Pop.ba-siert

    Inst.ba-siert

    Set.Zea

    Set.Ge-mein-de

    Set.Kli-nik

    Ext.Val.N

    Ext.Val.L

    Ext.Val.R

    Ext.Val.ÜR

    Albers(2012)

    [20] x x x x x x x x

    Baron J(2014)

    [21] x x x x x x x x x x

    Behrensen(2004)

    [12] x x x x x x

    Birck(2001)

    [57] x x x x x

    Bogic(2012)

    [22] x x x x x x x

    Bräutigam(2002)

    [58] x x x x x x x x

    Brune(2002)

    [23] x x x x x x x x

    Burmester(2014)

    [24] x x x

    Butollo(2012)

    [25] x x x x x x x x

    Casal(2005)

    [26] x x x x x x

    Claassen(2005)

    [66] x

    Diel(2004)

    [28] x x x x x x

    Diel(2005)

    [27] x x x x x x

    Dreweck(2013)

    [29] x x x x x

    Dudareva(2011)

    [16] x x x x x x

    Gäbel(2006)

    [30] x x x x x x

    Garde-mann(1998)

    [31] x x x x x x x x

    Gauert(1995)

    [32] x x x x x

    Gavra-nidou(2008)

    [33] x x x x x x x x

    Groß(2008)

    [59] x x x x x x

    Hensel-Dittmann(2011)

    [34] x x x x x x x

    Herrmann(1999)

    [60] x x x x x x x x x x x

    Jung(2011)

    [15] x x x x x x x x x x x x

    Kesseler(1995)

    [35] x x x x x

    Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 5 · 2016 603

  • Leitthema

    Tab. 1 Übersicht der eingeschlossenen Primärstudien (n=51) undder adressiertenGesundheits-/Versorgungsdomäne, der Designs sowie der Set-tings der Studien (Fortsetzung)

    Autor/-in(Jahr)

    Ref.Nr,

    Qua-li-ta-tiv

    Quan-tita-tiv

    Phy-sisch

    Psy-chisch

    PTBS SWB In-fek-tion

    NCD Müt-ter

    Kin-der

    Soz.Det

    Vers.Zu-gang

    Un-gleich-heit

    Pop.ba-siert

    Inst.ba-siert

    Set.Zea

    Set.Ge-mein-de

    Set.Kli-nik

    Ext.Val.N

    Ext.Val.L

    Ext.Val.R

    Ext.Val.ÜR

    Koch(2008)

    [36] x x x x x x x

    Koch(2009)

    [61] x x x x x x x

    Kruse(2009)

    [37] x x x x x x x x x

    Lamott(2005)

    [62] x x x x x

    Lersner(2008a)

    [51] x x x x x x x x

    Lersner(2008b)

    [50] x x x x x x x x x

    Lersner(2008c)

    [14] x x x x x x x x

    Loytved(2002)

    [38] x x x x x x

    Moham-madzadeh(1995)

    [40] x x x x x x x x

    Möhlen(2005)

    [39] x x x x x x x x x

    Nijhawan(2005)

    [63] x x x x

    Niklewski(2012)

    [41] x x x x x x x x x

    Otto(1994)

    [42] x x x x x

    Rohleder(2004)

    [43] x x x x x

    Ruf(2010)

    [44] x x x x x x x x x

    Ruf-Leusch-ner(2014)

    [45] x x x x x x x x x x

    Sabes-Figuera(2012)

    [46] x x x x x x x x x

    Schmid(1996)

    [47] x x x x x

    Schwarz-Langer(2006)

    [48] x x x x x x x

    Sieberer(2010)

    [49] x x x x x x x

    Stellbrink-Kesy(2003)

    [64] x x x x x

    Takla(2012)

    [17] x x x x x x x x

    Welbel(2013)

    [52] x x x x x

    604 Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 5 · 2016

  • Tab. 1 Übersicht der eingeschlossenen Primärstudien (n=51) undder adressiertenGesundheits-/Versorgungsdomäne, der Designs sowie der Set-tings der Studien (Fortsetzung)

    Autor/-in(Jahr)

    Ref.Nr,

    Qua-li-ta-tiv

    Quan-tita-tiv

    Phy-sisch

    Psy-chisch

    PTBS SWB In-fek-tion

    NCD Müt-ter

    Kin-der

    Soz.Det

    Vers.Zu-gang

    Un-gleich-heit

    Pop.ba-siert

    Inst.ba-siert

    Set.Zea

    Set.Ge-mein-de

    Set.Kli-nik

    Ext.Val.N

    Ext.Val.L

    Ext.Val.R

    Ext.Val.ÜR

    Wolf(1995)

    [5] x x x x

    Wolf(1996)

    [54] x x x x

    Wolf(1996)

    [55] x x x x

    Zepinic(2012)

    [56] x x x x x x x

    Zielke-Nadkarni(2004)

    [65] x x x x

    REF.NR. Referenznummer der Literaturangabe,PTBS Posttraumatische Belastungsstörung,SWB SozialesWohlbefinden/Lebensqualität,NCDNichtübertrag-bare chronische Erkrankungen,MÜTTERMüttergesundheit, KINDER Kindergesundheit, SOZ.DET Soziale Determinanten der Gesundheit, VERS. ZUGANGVersorgungszugang, POP.BASIERT populationsbasiert, INST.BASIERT institutionsbasiert, SET.ZEA Setting Zentrale Erstaufnahmestelle, SET.GEMEINDESetting Gemeinde, SET.KLINIK Setting klinisch/therapeutisch, EXT. VAL. N Externe Validität laut Angaben der Autorinnen/Autoren nicht gegeben, EXT.VAL. L Externe Validität laut Angaben der Autorinnen/Autoren lokal gegeben, EXT. VAL. R Externe Validität laut Angaben der Autorinnen/Autoren regionalgegeben, EXT VAL ÜR Externe Validität laut Angaben der Autorinnen/Autoren überregional gegeben

    bekannte Grundgesamtheit oder unklareSampling-Verfahren vorlagen.

    Evidenz-Map

    Um die Forschungslandschaft thema-tisch und konzeptionell abzubilden,wurden die Artikel einer quantitativdeskriptiven Auswertung anhand ih-res Studiendesigns, der untersuchtenZielgrößen bzw. Gesundheits- und Ver-sorgungsdomänen, des Evidenzgrads,der Studienpopulation (populations-vs. institutionsbasierte Samples), desSettings der Rekrutierung (Erstaufnah-meeinrichtung, Kommune/Gemeinde,Klinik) sowie der Verallgemeinerbarkeit(lokale, regionale oder überregionaleexterne Validität) unterzogen.

    Evidenz-Synthese

    Die Synthese der in den Artikeln be-richteten Evidenz erfolgt aufgrund dergroßen Heterogenität narrativ und se-parat für quantitative bzw. qualitativeStudien. Für die Zielgröße „Prävalenzder posttraumatischen Belastungsstö-rung“ (PTBS) lag eine hohe Anzahl anStudien vor. Daher wurden die Prävalen-zen in einem vereinfachten Forest-Plotvisualisiert (s. Ergebnisse) zusammenmit den entsprechenden 95%-Konfi-

    denzintervallen, die nach der Methodevon Clopper und Pearson [19] berechnetwurden.

    Ergebnisse

    Die Suche in Datenbanken ergab nachEntfernung von Duplikaten insgesamt1160 Treffer. Weitere 30 Artikel erhieltenwir über die Durchsicht von Referenzlis-ten und Anfrage bei Experten (. Abb. 1).Von diesen insgesamt n = 1190 Arti-kel wurden im Rahmen des Screeningsder Titel und Abstracts insgesamt 988(83,0 %) ausgeschlossen. Die verblei-benden 202 Artikel wurden im Volltextauf die Einschlusskriterien hin geprüft.Dabei wurden weitere 132 (65,3 % derim Volltext geprüften Artikel) ausge-schlossen. Von den 70 verbleibendenArtikeln wurden 18 der o. g. Residual-kategorie zugewiesen, sodass insgesamt52 Artikel in das mapping sowie in dieSynthese eingeschlossen wurden. Diesentspricht (wie bei einer breiten Suche zuerwarten war) einer Spezifität von 4,4 %.Die Sensitivität bezogen auf die Artikelim Test-Set [12–17] lag hingegen bei98,1%, für die Artikel aus Peer-Review-Zeitschriften [14, 16, 17] bei 100%.

    Unter den 52 eingeschlossenen Arti-keln (. Tab. 1) befanden sich 41 (78,9 %)quantitative Studien [14–17, 20–56],

    10 (19,2 %) qualitative Studien [12,57–65] und ein systematisches Review(1,9 %) [66]. Die überwiegende Anzahlder quantitativen Studien beruhte aufQuerschnittsdesigns. Weiteren neun lagein prospektives Design zugrunde [22,26–28, 35, 37, 39, 55, 56]. Ein experi-mentelles Design mit Randomisierunglag bei einer Studie vor ([34]; . Tab. 1).Die Stichprobengrößen der quantitati-ven Studien lagen im Schnitt bei n =1053 (SD: 2552) bzw. im Median bei n =181.

    In den qualitativen Designs warenEthnografien und Fallstudien am häu-figsten vertreten, gefolgt von Tiefenin-terviews und Fokusgruppen (. Tab. 2).Insgesamt reichten die Stichprobengrö-ßen der qualitativen Studien von n = 1bis n = 52.

    Evidenz-Map

    Studiendesigns und ZielgrößenVon den 51 Primärstudien untersuchtenmehr als die Hälfte (n = 30; 58,8 %) eineodermehrereZielgrößen imBereichpsy-chischer Gesundheit [14, 15, 20–23, 25,30, 33, 34, 36, 37, 39, 41, 44–46, 48–51,56–64, 66].Die amhäufigstenuntersuch-teZielgrößewardieposttraumatischeBe-lastungsstörung (PTBS), die in insgesamt24 Primärstudien (davon fünf qualitati-

    Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 5 · 2016 605

  • Leitthema

    Tab. 2 Absolute und relative Häufigkeiten angetroffener Evidenzgrade, Samples und Settingsder eingeschlossenen Primärstudien

    Qualitativ Quantitativ Primärstudien gesamt

    n = 10(100%)

    n = 41(100%)

    n = 51 (100%)

    Design/Studientypena

    Ethnografien/Fallstudien 5 (50%) – –

    Fokusgruppen 3 (33%) – –

    Tiefeninterviews 4 (40%) – –

    Querschnittsstudien – 25 (61,0 %) –

    Prospektive Studie – 9 (22,0 %) –

    Retrospektive Studie – 6 (14,6 %) –

    Kohortenstudie – 4 (9,8 %) –

    Randomisiert kontrollierte Studie – 1 (2,4 %) –

    Level of Evidence (LoE)

    LoE1 (höchste Evidenz) – 4 (9,8 %) –

    LoE2 – 18 (43,9 %) –

    LoE3 – 11 (26,8 %) –

    LoE4 – 8 (19,5 %) –

    Samples

    Populationsbasiert 0 (0 %) 27 (65,9 %) 27 (52,9 %)

    Institutionsbasiert 9 (90%) 14 (34,2 %) 24 (47,1 %)

    Settingsa

    Zentrale Erstaufnahmeeinrichtung 1 (10%) 7 (17,1 %) 8 (15,7 %)

    Gemeinschaftsunterkunft/Folgeunterbringung

    3 (30%) 14 (34,1 %) 17 (33,3 %)

    Klinisch/therapeutisch 5 (50%) 12 (29,3 %) 17 (33,3 %)

    Andere bzw. nicht näher bezeichnet 5 (50%) 13 (31,7 %) 18 (35,3 %)aSumme > 100%, da Mehrfachzuordnung möglich, z. B. bei Mischpopulationen und heteroge-nen Samples. Prozentangaben nur zur Orientierung aufgrund kleiner Fallzahl der qualitativenStudien. Institutionsbasierte Samples: definiert als Stichproben ohne Sampling-Design; Gefällig-keitsstichproben; Stichproben, die über spezifische Einrichtungen rekrutiert wurden ohne bekannteGrundgesamtheit sowie Stichproben aus klinischen/therapeutischen Settings. PopulationsbasierteSamples: Stichproben mit klarem Sampling-Design; Vollerhebungen; Teilerhebungen mit bekannterGrundgesamtheit

    ve Designs) untersucht wurde (. Abb. 2;[14, 15, 22, 23, 25, 30, 33, 34, 36, 37, 39,41, 44–46, 48–51, 57, 61–64]).

    Von den 26 Studien, die sich mitZielgrößen im Bereich der körperlichenGesundheit beschäftigten, untersuch-ten 12 Studien Infektionserkrankungen[15–17, 26–29, 32, 35, 38, 40, 60]. Nurin 3 Studien (5,8 % aller Studien) gab eseinen expliziten Bezug zu nicht über-tragbaren chronischen Erkrankungen(NCDs) [15, 40, 60], in einer Studie(1,9 %) einen Bezug zur Müttergesund-heitbeiAsylsuchendenbzw.Flüchtlingen[45]. 6 Studien, davon eine qualitative[58], wiesen einen direkten Bezug zurKindergesundheit auf (11,5 % aller Stu-dien) [31, 33, 39, 44, 45, 58].

    Mit sozialemWohlbefindenalsAspektder Gesundheit beschäftigen sich 10 Stu-dien, denen unter anderem Zielgrößenwie Lebensqualität, Lebensbedingungenoder der allgemeineGesundheitszustandals „globales“Gesundheitsmaßzugrundelagen [12, 14, 20, 21, 50, 51, 58–61].

    Insgesamt 22 Studien untersuchtenZielgrößen im Bereich der medizini-schenVersorgung, davon drei mit einemqualitativen Design [12, 59, 60]. Dieam häufigsten untersuchten Versor-gungsdimensionen waren Aspekte desZugangs (n = 13) sowie die Qualitätder Versorgung (n = 13). UntersuchteZugangsdimensionen waren Akzeptanz(n = 8) [12, 15, 21, 25, 40, 56, 59, 60],Verfügbarkeit (n = 7) [12, 15, 21, 40, 52,

    59, 60] sowie (seltener) Kosten spezifi-scher Versorgungsmaßnahmen (n = 5)[15, 17, 24, 46, 53].

    Lediglich 7 Studien wiesen einen Be-zug zu Ungleichheiten auf (n = 7), d. h.zogen eine Vergleichsgruppe nicht Ge-flüchteter heran, umUngleichheiten zwi-schen dieser und Asylsuchenden oderFlüchtlingen in der Gesundheit bzw. derVersorgung zu quantifizieren [21, 26–28,31, 46, 56].

    Evidenzgrade und Studienpopula-tionenVon den 41 quantitativen Primärstudienwaren 43,9 % einem hohen Evidenzgrad(LoE 2) zuzuordnen. 4 Studien (9,8 %)[17, 27, 28, 34] lagen Designs zugrunde,die im jeweiligen Bereich dem höchstenEvidenzgrad (LoE 1) zuzuordnen waren(. Tab. 2).

    Ungefähr zwei Drittel aller quanti-tativen Studien hatten ein populations-basiertes Sample, wohingegen fast allenqualitativen Studien (naturgemäß) ent-weder institutionsbasierte Samples zu-grunde lagen oder Studienpopulationen,die sich nicht entsprechend kategorisie-ren ließen ([63]; . Tab. 2).

    Bei insgesamt acht (15,7 %)der51Pri-märstudien lagen Studienpopulationenaus zentralen Erstaufnahmeeinrichtun-gen vor [15, 16, 25, 30, 40, 41, 47, 60].Der Anteil der Studien mit Populatio-nenausGemeinschaftsunterkünftenbzw.Einrichtungen der FolgeunterbringunginGemeinden sowie klinischen bzw. the-rapeutischen Settings war mit jeweils ei-nem Drittel gleich hoch (. Tab. 2). Bei18 Studien lagen andere Settings oderkeine näheren Angaben zu den Settingsvor, aus denen die Studienpopulationenrekrutiert wurden. In 32 Studien (62,7 %aller Primärstudien)wurdendie Teilneh-mer an einem einzigen Standort oder ineinereinzigenStadt rekrutiert [12, 15–17,20, 23–25, 27–29, 31, 33, 34, 37, 39–41,43, 44, 48, 49, 52–55, 58–61, 63–65]. In6 Studien (11,8 %) setzte sich die Studi-enpopulation ausAsylsuchendenmehre-rer Standorte in einem Bundesland zu-sammen [32, 35, 38, 42, 44, 45]. Eineausmehreren Bundesländern rekrutierteStudienpopulation fand sich in 7 Studi-en (13,7 %) [14, 21, 22, 30, 36, 50, 51].Keine detaillierten Angaben zum Setting

    606 Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 5 · 2016

  • Abb. 29Adressierte Do-mänen der GesundheitundGesundheitsversor-gung der eingeschlosse-nen Primärstudien (n=51) (PTBS Posttraumati-sche Belastungsstörung,NCDsnicht übertragbarechronisch körperliche Er-krankungen)

    waren in 6 Studien (11,8 %) gegeben [26,46, 47, 56, 57, 62].

    Bei 28 der quantitativen Studien(68,3 %) zeigte sich anhand der genann-ten Kriterien keine externe Validität [14,16, 22–26, 30–34, 36, 37, 39–43, 45, 46,48–51, 54–56]. Bei 10 Studien (26,8 %)sind die Ergebnisse regional generali-sierbar [15, 21, 27–29, 35, 38, 44, 47,52, 53], eine Studie macht repräsentativeAussagen zu einer lokalen Unterkunft[20]. Lediglich Takla [17] und Baron[21] führen quantitative Ergebnisse auf,die eine überregionale Generalisierbar-keit für Asylsuchende in Deutschlandermöglichen.

    Evidenz-Synthese

    InfektionserkrankungenDieGesundheitsdomäne imBereichphy-sischer Gesundheit, über die am häufigs-ten berichtet wurde, waren Infektionser-krankungen. 6 der 12 Studien, in denenInfektionserkrankungenbeiAsylsuchen-den thematisiert wurden, beschäftigtensich u. a. mit der Prävalenz, den Risiko-faktoren oder Kontrollmaßnahmen derTuberkulose [26, 28, 29, 35, 38, 40].

    Kesseler et al. [35] berichten un-ter 4058 Asylsuchenden (1992–1994)

    eine Prävalenz behandlungsbedürfti-ger Tuberkulose von 48 Fällen (1,2 %),entsprechend einer Rate von 1183 pro100.000. Mohammadzadeh [40] berich-tet als Teil eines breiteren Krankheitss-pektrums unter 1077 Asylsuchenden inBremen (1993–1994) eine Inzidenzratevon0,557%(entsprechend557/100.000).

    Diel et al. untersuchen die Charak-teristika der Tuberkulose bei im Aus-land geborenen Einwohnern Hamburgs(1997–2002) und berichten 334 Fälle,davon 108 (32,3 %) bei Asylsuchenden.Von diesen wurden 31 Fälle (28,7 %)bei der Gesundheitsuntersuchung (nach§62 Asylverfahrensgesetz) bzw. dem Tu-berkulose-Screening durch Röntgen derLunge bei 12.176 Asylsuchenden identi-fiziert (entsprechend 255/100.000). DerAnteil der identifizierten Fälle im Rah-men des Tuberkulose-Screenings lagsomit bei 0,25%. Der Großteil der Fäl-le (67,7 %) innerhalb der Populationder Asylsuchenden manifestierte sicherst nach längerem Aufenthalt (2,4 ±3,8 Jahre) in Deutschland. Die Dia-gnosestellung fand in 82% der Fälleaufgrund von Symptomen statt. Die Zeitvom Auftreten der ersten Symptomebis zur Inanspruchnahme medizinischerUntersuchungen war bei Asylsuchenden

    signifikant länger (6,5 ± 5,2 Wochen) alsbei anderen Migranten (4,9 ± 3,1 Wo-chen) [28].

    Loytved et al. [38] berichten in ih-rer Analyse vom Stellenwert der aktivenFallfindung sowie den Behandlungser-gebnissen der Tuberkulose. Im Vergleichzu Diel et al. [28] berichten sie einenhöheren Anteil der Fälle, die im Rah-men der aktiven Fallsuche bei Röntgen-reihenuntersuchungen bei Asylsuchen-den in Unterfranken (1995–2001) ermit-telt wurden (58,4 % bzw. 52 von 89 Fällenohne Angaben zu der Gesamtzahl derin den sechs Jahren gescreenten Asyl-suchenden). Hinsichtlich der Behand-lungsergebnisse berichten Loytved et al.über einen, im Vergleich zu in Deutsch-land geborenen Patienten, höheren An-teil einesungünstigenVerlaufsderErgeb-nisqualität (BehandlungsabbrüchedurchWegzug, Abschiebung oder Unauffind-barkeit).

    Dreweck et al. [29] berichten in ih-rem deskriptiven epidemiologischen Be-richt zur Tuberkulose in München über24 Fälle, die bei der Röntgenreihenunter-suchung von 4000 Personen im Jahr 2012identifiziert wurden, entsprechend einerPrävalenz von 0,6 % bzw. 600/100.000.

    Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 5 · 2016 607

  • Leitthema

    Abb. 38 Forest-PlotderberichtetenPrävalenzderposttraumatischenBelastungsstörungaus14Primärstudien(Alter:Mittel-wert±Standardabweichungbzw. leer,wennnichtberichtet.BesonderheitenderStudienpopulationen:ausschließlichKinder:Gavranidou [33], Ruf [44]; ausschließlichFrauen:Ruf-Leuschner [45].Niklewski a: Zufallsstichprobe;Niklewskib:Gefälligkeits-stichprobe/Selbstzuweiser. Sabues-Figuera/Bogic: selbe Studienpopulation, unterschiedliche Fragestellungen, daher nichtals klassischesDuplikatgewertet und indasMappingeingeschlossen. Instrumente:DSM-IVDiagnostic andStatisticalManualofMentalDisorders,4.Auflage;PDSPosttraumaticStressDiagnosticScale,HTQHarvardTraumaQuestionnaire, ICD-10 Interna-tional Classification of Disease, ETI Essener Trauma-Inventar,MINIMini International Neuropsychiatric Interview, SCAS-RADS-D Screen for Child Anxiety Related Emotional Disorders)

    Casal et al. [26] untersuchen in einerinternationalen Fall-Kontroll-Studie dieRisikofaktoren für eine multiresistenteLungentuberkulose. Sie geben für dieStichprobe aus Deutschland (n = 153)eine fünffach höhere Infektionswahr-scheinlichkeit (Odds Ratio, OR = 5,10)mit multiresistenten Erregern bei Per-sonen an, die als Einkommensquelle„Asylbewerberleistungen“ nannten.

    Sechs quantitative Studien befasstensich mit weiteren Infektionserkrankun-gen [15–17, 27, 32, 40]: Gauert et al. [32]untersuchten die Prävalenz pathogenerbzw. fakultativ pathogener enteraler Er-reger unter 517 Asylsuchenden aus demsüdosteuropäischen, dem afrikanischensowie dem südostasiatischen Raum.Aufgrund der berichteten Prävalenzpathogener und fakultativ pathogenerenteraler Erreger (23,79%) plädiertensie für die Ausweitung der mikrobio-logischen Pflichtuntersuchungen beiAsylsuchenden auf alle Enterobacteria-ceae. Dudareva et al. [16] führten nachAuftreten einer Hautinfektion durcheinen ambulant erworbenen multiresis-tenten Staphylococcus aureus (MRSA) in

    einer zentralen Erstaufnahmestelle eineaktive Fallsuche unter allen 427 asyl-suchenden Bewohnern der Einrichtungdurch und berichten drei weitere Fälle,die jedoch mit jeweils unterschiedlichenErregerstämmen infiziert waren und vonvorangegangenen Krankenhausaufent-halten berichteten. Jung [15] berichteteinePrävalenzvon3,1 %beiInfektionser-krankungen, die im Rahmen des BremerGesundheitsprogramms (2001–2008)bei 2341 Asylsuchenden auf Ebene derICD-10 Kapitel (A00–B99) diagnosti-ziert wurden. Mohammadzadeh [40]berichtet aus dem Krankheitsspektrumvon 1077 Asylsuchenden im Rahmendes Bremer Gesundheitsprogramms In-zidenzraten der Hepatitis (0,650%), Go-norrhoe (0,186 %) sowie der Meningitis(0,0935%).

    Lediglich 2 Studien gingen übereinen deskriptiven Charakter hinaus:Diel et al. [27] untersuchten in ihrerprospektiven Studie Risikofaktoren derHepatitis B (HBV)-Infektion in Ham-burg (1998–2002) und berichten über73 akute HBV-Fälle, die im Rahmen vonScreening-Maßnahmen unter 10.770

    Asylsuchenden identifiziert wurden(entsprechend 0,67% bzw. 678/100.000).Diese machten 13,9 % aller insgesamt524 HBV-Fälle aus, die im selben Zeit-raum der Gesundheitsbehörde gemeldetwurden. Die für verschiedene Einfluss-faktoren adjustierte Wahrscheinlichkeitfür das Vorliegen einer HBV-Infektionbei Asylsuchenden war somit um das6,93-Fache [1,210 bis 39,8] erhöht, imVergleich zu nicht Asylsuchenden.

    Takla et al. [17] vergleichen in ei-ner Kosten-Nutzen-Analyse anhandeines Masernausbruchs in einer Ge-meinschaftsunterkunft mit 427 Asylsu-chenden das konventionelle Vorgeheneiner Riegelungsimpfung nach serologi-scher Immuntiterbestimmung mit einerhypothetischen Strategie, bei der alleAsylsuchenden unmittelbar eine Rei-henimpfung erhalten (ohne vorherigeSerologie). Unter Berücksichtigung po-tenziell vermiedener Masernfälle derhypothetischen Alternativstrategie (n =3), des logistischen Aufwands der kon-ventionellen Strategie sowie der damitverbundenen doppelt so hohen Kosten(90.000 €) plädieren sie für eine Reihen-

    608 Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 5 · 2016

  • impfung bei Masernausbrüchen sowiefür eine Verbesserung der Immunisie-rung bei Erstaufnahme, um das Risikofür Ausbrüche zu minimieren.

    Nicht übertragbare chronischkörperliche Erkrankungen (NCDs)Lediglich 2 Studien lassen sich Kenn-zahlen zu NCDs bei Asylsuchendenentnehmen [15, 40]. Diese stammen ausdem Gesundheitsprogramm des BremerModells aus den 1990er-Jahren [40] bzw.aus dem Zeitraum 2001–2008 [15]. Inbeiden Studien, die deskriptiv die Häu-figkeit der Diagnosen des Gesundheits-programms auswerten, zeigt sich ein vor-wiegend primärmedizinisches SpektrumanVersorgungsbedarfen beiAsylsuchen-den: Erkrankungen der Atemwege/desHNO-Trakts (21,8 %), Hauterkrankun-gen (18,8 %), Zahnprobleme (12,4 %),Gastrointestinalbeschwerden (11,1 %),Schmerzen/Neuralgien (10%), Unfälle(6,2 %), psychosomatische Beschwer-den (9%) sowie andere einschließlichHerz-Kreislauf-Erkrankungen (

  • Leitthema

    von Koch et al. [36] lagen die Präva-lenzschätzer bei mindestens 22% ininstitutionsbasierten bzw. mindestens16% in populationsbasierten Samples.

    Diese Heterogenität ist exempla-risch hervorgehoben, da sie auch fürdie zahlreichen weiteren psychischenErkrankungsbilder gilt, die in den iden-tifizierten Studien untersucht wurden –allen voran Depressionen (13 Studien[14, 20, 22, 23, 25, 34, 39, 41, 44, 45,49, 51, 56]), Angststörungen (11 Studien[14, 20, 22, 25, 39, 41, 44–46, 51, 56])sowie Suizidalität (7 Studien [14, 21, 41,44, 45, 49, 51]). Angaben zu erfolgtenSuiziden fanden sich lediglich in einerretrospektiven Studie [49]. Exemplarischsind auch die Limitationen der Studien:Keine der Studien in diesem Bereichwies eine externe Validität auf, die überlokale Populationen hinausging (auchwenn dies teilweise berichtet wurde).

    Angesichts der Bedeutung zentralerErstaufnahmeeinrichtungen gab es nur4 Studien [15, 25, 30, 41], die psychischeBedarfe in diesemKontext untersuchten.Dabei erscheinen insbesondere die Er-fahrungen von Butollo et al. [25] sowieNikleweski et al. [41] im Rahmen derEinrichtung einer zentralen klinischenGutachterstelle von übergeordneter Be-deutung hinsichtlich der IdentifizierungpsychischerVersorgungsbedarfe und derEinleitung adäquaterVersorgung. In die-sem Zusammenhang zeichnet sich, ne-ben der frühen Identifikation von Be-darfen, die Bedeutung niedrigschwelli-ger Versorgungsstrukturen [15, 25, 40,41] zur kurzfristigen psychosozialen Sta-bilisierung sowie spezialisierter Versor-gungsstrukturen zur mittel- bis langfris-tigen Versorgung der psychischen Be-darfe ab. Angesichts der öffentlich viel-fach diskutierten Versorgungsproblema-tik in diesem Bereich [67] überrascht es,dass lediglich eine Studie, die der grauenLiteratur zuzuordnen war, die Diskre-panz zwischen psychosozialen Versor-gungsbedarfen und der Aufnahmekapa-zität existierender Strukturen quantitativuntersucht [21].Weitere Bereiche, denensich angesichts ihrer Bedeutung eher we-nige Studienwidmeten, betrafenAuswir-kungen von Rückführungsprogrammen[14, 50].

    Im Bereich der qualitativen Studienzeigen Bräutigam et al. [58] anhandeiner Kasuistik auf, dass Familien mitFlüchtlingshintergrund eine schlechterepsychotherapeutische Versorgung zu-teil wird, was zurückgeführt wird aufsprachliche und kulturelle Barrieren,aber auch auf mangelhafte Kenntnisseder Kinderärzte bzgl. psychischer Er-krankungen. Birck untersucht in einerqualitativ vergleichenden Analyse dieQualität der Diagnose psychischer Er-krankungen durch den polizeiärztlichenDienst [57]. Verglichen mit klinischenPsychologendiagnostizierenJustizbeam-te seltener posttraumatische Störungen(27% der Fälle gegenüber 81% der Fäl-le bei niedergelassenen Psychologen),bagatellisieren in ihren Berichten psy-chische Erkrankungen und bejahen innur wenigen Fällen Behandlungsbedarf(19% gegenüber 100% bei klinischenPsychologen).

    Drei Studien [37, 61, 64], davon2 qua-litative Fallstudien, untersuchen vorhan-dene oder möglicheTherapieformen zurBewältigung traumatischer Erlebnisse.

    Koch [61] kommt in einer Fallstu-die mit Flüchtlingen, die an PTBS lei-den, zu der Schlussfolgerung, dass Tanz-und Bewegungstherapien einen erfolg-reichen Therapieansatz in Flüchtlings-populationen darstellen können. Stell-brink-Kesy [64] beschreibt anhand ei-ner Fallstudie den förderlichen Einflussder Kunsttherapie zur Traumabewälti-gung. Kruse et al. [37] untersuchen ineiner nicht randomisierten Interventi-onsstudie an 64 bosnischen Flüchtlingenmit PTBS-Symptomen den Einfluss vonstabilisierenden Elementen der Psycho-therapie und schlussfolgern, dass dieseBehandlung zur Linderung von PTBS-Symptomen sowie somatoformen Stö-rungen beiträgt.

    Medizinische VersorgungEmpirische Belege für die Barrieren, diemitderPraxisderKrankenscheinausgabesowie der eingeschränkten Versorgungs-ansprüche der Regelungen des AsylbLGeinhergehen, erbringen Behrensen undGroß [12] in ihrer umfassenden undmethodisch fundierten qualitativen Stu-die zum Einfluss der gesundheitlichenAuswirkungen der Lebensumstände von

    Asylsuchenden. Aus den quantitativenStudien im Bereich der medizinischenVersorgung lässt sich ableiten, dass eineniedrigschwelligePrimärversorgung [15,40] bei niedrigen Kosten eine gute Ak-zeptanz mit weniger Überweisungenzu spezialisierten Fachärzten erzielenkann. Der verbesserte, unbürokratischeZugang zur Versorgung, z. B. über eineGesundheitskarte [24], erweist sich alskostensenkend im Bereich administra-tiver Kosten (1,6 Millionen Euro/Jahrin Hamburg) und kostenneutral hin-sichtlich der Pro-Kopf-Ausgaben dermedizinischen Behandlung bei Asyl-suchenden. Aus international verglei-chenden Versorgungsforschungsstudien[56] geht hervor, dass Asylsuchendedie erhaltene Unterstützung in Englandals am besten organisiert bewerten, dieZufriedenheit mit der Primärversor-gung jedoch in Deutschland am höchs-ten ist. Zwei Studien, die Versorgungvon Asylsuchenden aus dem Balkan inverschiedenen Ländern (DE, GB, IT)gegenüberstellen [46, ], zeigen höhereAusgaben für Gesundheitsdienste fürFlüchtlinge in Deutschland. Es liegenkeine Studien vor, die den Zugang zumedizinischer Versorgung von Asylsu-chenden mit Bevölkerungsgruppen mitsicherem Aufenthaltsstatus vergleichen.

    Soziales Wohlbefinden und sozialeDeterminanten der Gesundheitbzw. GesundheitsversorgungIn 21 der 52 Studien (51,2 %) warenAspekte des sozialen Wohlbefindens,soziale Determinanten bzw. die Lebens-und Unterbringungssituation von Asyl-suchenden expliziter Ausgangspunkt derAnalysen [12, 14, 17, 20–23, 33, 37, 39,44–46, 49–51, 56, 58–61].

    Drei qualitative Studien [12, 59, 63]betrachten den Gesundheitszustand unddiemedizinischeVersorgung imKontextder Lebensumstände und sehendarin so-wohl einen Risikofaktor für Erkrankun-gen als auch für unzureichende medizi-nische Versorgung.

    Im Rahmen einer Evaluation des Pro-jekts „Selbsthilfe, Arbeitsmarktzugangund Gesundheit von Asylsuchenden(SAGA)“ betrachten Groß et al. [59]die Verbesserung der Gesundheit von52 Flüchtlingen durch Maßnahmen, die

    610 Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 5 · 2016

  • der psychischen und sozialen Stabili-sierung dienen, wie bspw. erleichterterZugang zum Arbeitsmarkt. Ein weitererPfeiler des Projektes, die Optimierungder Strukturen in der Gesundheitsver-sorgung von Flüchtlingen durch Aufbaueines Traumanetzwerkes und Ausbil-dung in Traumatherapie, trug ebenfallszu einer verbesserten Gesundheit derFlüchtlinge bei.

    Behrensen et al. [12] explorierenanhand von teilnehmenden Beobach-tungen und Interviews den Einfluss derLebensumstände von Asylsuchenden aufderenGesundheit.DasLebeninGemein-schaftsunterkünften, Perspektivlosigkeitund auch eingeschränkte Möglichkeitender Ernährung, als nur einige ausgewähl-te Aspekte des sozialen Wohlbefindens,wirken sich schädlich auf die Gesund-heit aus. Erschwert wird diese Situationdurch bürokratische Hürden zur Ge-nehmigung eines Arztbesuches sowiedurch kulturellspezifische Erwartun-gen an medizinische Versorgung. DieseBefunde sind konsistent mit quantita-tiven Studien: Albers [20] untersuchtin ihrer Dissertation die Lebenssitua-tion von 183 Asylsuchenden anhandvon 21 selbst berichteten psychosozialenStressoren sowie den Zusammenhangzwischen diesen und der Prävalenz psy-chischer Beschwerden, erhobenmit demGesundheitsfragebogen für Patienten(PHQ).Nijhawan [63]beschreibt in einerethnografischen Studie unter Punjabi-Flüchtlingen, dass die Versorgung bereitskranker Personen unzureichend ist, aberebenso die Lebensumstände in Gemein-schaftsunterkünftenmit eingeschränkterVersorgung zu einer Verschlechterungder Gesundheitssituation beitragen. Dievorliegenden Studien bestätigen somitinternationale Erkenntnisse, dass dieLebens- und Unterbringungssituationwährend des Asylverfahrens als psy-chisch belastend erfahren wird. Studienmit prospektivem Charakter und demVersuch kausale Zusammenhänge (imquantitativen Sinne) zu beweisen, lagennicht vor.

    Weitere Details und Erkenntnisse ausden 52 eingeschlossenen Studien sind. Tab. 3 zu entnehmen.

    Diskussion

    Das Ziel dieser Übersichtsarbeit war es,anhand eines evidence mappings erstma-lig fürdiedeutscheForschungslandschaftdarzulegen, welche Aspekte der Gesund-heitsversorgung und desGesundheitszu-stands von Asylsuchenden wissenschaft-lich untersucht worden sind, was ausdiesen Forschungsergebnissen bekanntist und wo ungedeckter, prioritärer For-schungsbedarf besteht.

    Prioritärer Forschungsbedarf wirdinsbesondere ersichtlich im Bereich derVersorgungsbedarfe, -prozesse und -out-comes bzgl. NCDs, bei Schwangerschaft,Wochenbett und Geburt, im pädiatri-schen Bereich sowie im Bereich derZahngesundheit. Hier traten die größtenForschungslücken zutage.

    Aus der Literatur der letzten 25 Jahrelässt sich eine „klassische“ Sicht auf dieUntersuchung des Gesundheitszustandsvon Asylsuchenden ableiten: Diese istvor allem „seuchenhygienisch“ und vor-wiegend auf psychische Erkrankungenfokussiert. Trotz der zahlreichen undzumeist große Fallzahlen umfassendenStudien im Bereich der Infektionsepide-miologie bleibt der Erkenntnisgewinnjedoch (bis auf wenige Ausnahmen)tendenziell gering: EpidemiologischeKennzahlen unterliegen denDynamikenund Entwicklungen der Herkunftslän-der, sodass rein deskriptive, auf einzelneBundesländer oder gar Regionen be-schränkte Analysen als Grundlage fürVersorgungsmaßnahmen eine kurzeHalbwertszeit haben. Damit Erkennt-nisse in diesem Bereich ihre Aktualitätwahren, ist eine verbesserte Surveillancenötig, die nicht auf einzelnen Studienberuht.

    Darüber hinaus waren viele der in-fektionsepidemiologischen Studien „los-gelöst“ von sozialen Determinanten undVersorgungsaspekten: Asylsuchendewa-ren zumeist konzipiert „als Risikofak-tor“ (engl: as risk for) und nicht als „ei-nem höheren Risiko ausgesetzt“ (engl:at risk of), z. B. aufgrund der Unterbrin-gung in Sammelunterkünften. Studien,die neben der Epidemiologie einer In-fektionserkrankung auch die relevantenVersorgungsaspekte (wie Zugang, Ergeb-

    nisqualitätoderKosten)mit adressierten,waren eher die Ausnahme [17, 28, 35].

    Trotz der zahlenmäßig hohen An-zahl an Studien im Bereich psychischerErkrankung bleibt auch hier der Er-kenntnisgewinn moderat: Kleine, nichtrepräsentative Samples gepaart mit star-ker Heterogenität in allen relevanten Be-reichen der Studien (Settings, Sampling,Populationen, Instrumente, Klassifika-tionen) führenzukeinerVergleichbarkeitder Ergebnisse hinsichtlich der psychi-schen Krankheitslast. Diese erscheint– kohärent mit der internationalen Li-teratur [1, 3] – zwar in allen Studienhoch (bis auf eine [15], bei der die Dia-gnosen nicht den Bedarf, sondern dieKodierungspraxis und das Versorgungs-angebot abbilden). Dennoch lässt sichdas Ausmaß der Erkrankungslast oderdes Bedarfs kaum quantifizieren, da nurdie wenigsten Studien in diesem Bereich[21, 46, 56] eineReferenzgruppe verwen-deten, anhand derer die Zielparameterz. B. alters- und geschlechtsadjustiertverglichen werden konnten.

    Weiterhin gilt es den Blick für dieRelevanz der Versorgungsdimension zustärken: Zwar adressierten insgesamt23 der 51 Primärstudien (45,0 %) einenoder mehrere Versorgungsaspekte (Zu-gang, Qualität, Kosten). Bezogen auf die25 Jahre, die das Review umschließt, undangesichts der Besonderheiten der Re-gelungen des AsylbLG erscheint jedochnichtnurdieZahl gering.Auch inhaltlichist ein Bedarf an rigoroseren Evaluatio-nen geboten, um lokal entwickelte gutePraxis zu identifizieren (s. z. B. Beitragvon Brockmann in diesem Heft) und indie Fläche zu bringen.

    Darüber hinaus kamen auch konzep-tionelle Aspekte zutage: Nur 12 der 41quantitativen Studien (29,3 %) erhobenden sozioökonomischen Status (SES)der Asylsuchenden [14, 20, 22, 25, 37,41, 46–48, 50, 51, 56]. Davon erhoben4 Studien die erreichten Schulabschlüsse[20, 46, 48, 56], 5 Studien die Anzahlder Jahre des Schulbesuchs [14, 25, 41,50, 51], 7 Studien die aktuelle Erwerbs-tätigkeit [22, 25, 37, 46, 47, 50, 56], eineStudie die frühere Erwerbstätigkeit imHerkunftsland [41] und eine Studie dasVorliegen einer Arbeitserlaubnis [50] beiAsylsuchenden. In den Studienwar nicht

    Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 5 · 2016 611

  • Leitthema

    Tab. 3 Tabellarische Übersicht der Zielstellungen, Designs sowie Kernergebnissen der 52 eingeschlossenen Studien

    Ziel/Fragestellung der Studie Design Hauptergebnisse/Schlussfolgerungen der Studie

    Albers HM[3]

    Zu untersuchenwie Asylsuchende dieLebensbedingungen in ihren Unter-künften bewerten, ob psychosozialeStressfaktoren vorliegen, wie hoch diePrävalenz psychischer Erkrankungen istund ob ein Zusammenhang zwischenLebensbedingungen und psychischerGesundheit besteht

    QS Die Mehrheit der Teilnehmer bewertete die eigene Gesundheit, psychisch undphysisch, als gut bis sehr gut, die Lebensumstände jedoch als schlecht bis sehrschlecht. 65,7 % der Teilnehmer berichtenmindestens ein psychisches Krank-heitssymptom, bei 57,2% besteht der Verdacht einer PTBS. Belastende Faktorensind u. a. „Duldung“, generelle Unsicherheit und finanzielle Sorgen

    Baron Jet al. [5]

    Bewertung des Bedarfs, der Strukturenund der Defizite in der psychiatrischenGesundheitsversorgung in drei ostdeut-schen Bundesländern

    QS Die psychosoziale Versorgung von Flüchtlingen und Folteropfern in den ostdeut-schen Bundesländern ist unzureichend und ein Ausbau der Behandlungsres-sourcen ist dringend notwendig. Es besteht eine große Diskrepanz zwischenVersorgungsbedarf und vorhandenen Versorgungsstrukturen. Versorgungsde-fizite werden besonders in unterfinanziertenGegenden deutlich, jedoch gibt esauchModelle psychosozialer Zentren, die durch gute Akzeptanz und Zusammen-arbeit mit Ämtern einen Anstoß zur Etablierung passender Kooperations- undUnterstützungskonzepte geben sollten

    BehrensenB et al.[6]

    Untersuchung des Einflusses der Le-bensbedingungen auf die Gesundheitvon Asylsuchenden

    Projekt-evaluation

    Ernährung: Essen wird als pathogener Faktor betrachtet und belastet Asylsu-chende, da sie aus finanziellen Gründen keine Nahrung außerhalb der Unterkünf-te beziehen können. Medizinisches Personal stellt eine ungenügende Versor-gung fest, sieht jedoch keinen Zusammenhang zu Krankheiten. Unterbringung:Die Unterbringungwird als Campmit eingeschränkten Freiheiten und Mög-lichkeiten betrachtet und erschwert die Integration und den Aufbau sozialerKontakte. Asylsuchende fühlen sich isoliert und nicht willkommen. Unsicher-heit, Perspektivlosigkeit und Furcht vor Abschiebung stellen als permanenteBedrohung einen belastenden Faktor dar. Durch das anfängliche Arbeitsverbotentsteht eine Frustration mit der Situation in Deutschland. Einige Unterkünftefordern Angaben zu den Gründen, bevor Arztbesuche gestattet werden, wasals Einschnitt in die Privatsphäre betrachtet wird. Andere Unterkünfte verteilenKrankenscheine ohne vorherige Nachfragen bzw. es sind in einigen UnterkünftenÄrzte vor Ort. Asylsuchende fühlen sich teils von Ärzten schlechter behandeltals andere Patienten. Asylsuchende haben unterschiedliche Vorstellungen vonmedizinischer Behandlung undWartezeiten

    Birck A[7]

    Vergleich der Ergebnisse medizinischerund psychologischer Untersuchungendurch polizeiärztlichenDienst und klini-sche Psychologen

    Vergleich-endeAnalyse

    Die Ergebnisse durch den polizeiärztlichenDienst (PÄD) unterscheiden sich er-heblich von denen durch klinische Psychologen; PÄD-Berichte: kürzere Krank-heitsgeschichte, traumatische Erlebnisse seltener berichtet, seltener Diagnostikvon Beschwerden und Erkrankungen, Reisefähigkeit wird häufiger bejaht. Argu-mentationsstrukturen des PÄD zeigen eine Verleugnung traumatischer Erlebnis-se und deren pathologische Bedeutung

    Bogicet al.[8]

    Analyse a) des Zusammenhangs zwi-schen soziodemografischen Faktoren,Kriegserlebnissen, und Postmigrations-faktorenmit psychischen Störungen beiKriegsflüchtlingen derselben Region,die in unterschiedlichen Ländern aufge-nommenwurden, b) der Variation desZusammenhangs zwischen Ländern,c) des relativen Impacts der einzelnenFaktoren und des Einflusses von Post-migrationsfaktoren auf den Zusammen-hang zwischen Kriegserlebnissen undpsychischen Störungen

    Multi-zentrischeQS

    i) Niedriges Bildungsniveau, eine höhere Anzahl potenziell traumatischer Erleb-nisse während und nach dem Krieg, höherer migrationsbedingter Stress, dasGefühl im Aufnahmeland nicht akzeptiert zu sein und ein temporärer Aufent-haltsstatuswaren jeweils unabhängig mit affektiven und Angststörungen asso-ziiert. ii) Affektive Störungen korreliertenmit weiblichemGeschlecht, höheremAlter und Arbeitslosigkeit, iii) Kampferfahrungen gingenmit niedrigerer Wahr-scheinlichkeit für Angststörungen einher, iv) männliches Geschlecht, niedrigesAlter und nicht in einer Partnerschaft lebend waren die einzigen Faktoren, diemit höherem Substanzabusus einhergingen, v) Kriegserlebnisse und Postmigra-tionsstressoren wirkten sich direkt auf die Prävalenz psychischer Störungen (mitAusnahme des Substanzabusus) aus

    BräutigamB et al. [9]

    Es werden die spezifischen Problemein der psychosomatischenBehandlungvon Flüchtlingskindern und -jugendli-chen aufgezeigt

    Kasuistik Familienmit Migrationshintergrundwerden möglicherweise unzureichend be-handelt aufgrund kultureller und sprachlicher Barrieren. Kinderärzte verfügennur über wenigWissen über das häufige Auftreten von psychosomatischenSymptomen bei Kindern mit Flüchtlingshintergrund

    612 Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 5 · 2016

  • Tab. 3 Tabellarische Übersicht der Zielstellungen, Designs sowie Kernergebnissen der 52 eingeschlossenen Studien (Fortsetzung)

    Ziel/Fragestellung der Studie Design Hauptergebnisse/Schlussfolgerungen der Studie

    Brune Met al. [10]

    Es wird ein positiver Zusammenhangzwischen dem Umfang von Glaubens-systemen im Leben von traumatisiertenFlüchtlingen und Therapieerfolg ange-nommen, unabhängig von der Art derTherapie

    Kohorten-studie

    Es zeigten sich keine Unterschiede in den Therapieerfolgen zwischen verschiede-nen Therapieformen (Krisenintervention, Kurzzeit-/Langzeittherapie). Es bestehtkein Zusammenhang zwischen einer Verbesserung der psychischen Sympto-matik und Therapiedauer, Sprache oder Bildungsstand. Zusätzliche Psychophar-makatherapie zeigt kein signifikant besseres Ergebnis. Glaubenssystemezeigendann einen bedeutenden positiven Einfluss auf den Therapieerfolg, wenn sieeine zentrale Rolle im Leben des Patienten einnehmen

    BurmesterF [13]

    Evaluation der Auswirkungen der „Ge-sundheitskarte für Asylsuchende“ inHamburg in 2012 aus Perspektive derAgentur für Arbeit, Soziales, Familie undIntegration

    Vorher-NachherStudie

    Einführung der Gesundheitskarte: I) verbesserter Zugang zu medizinischen Leis-tungen für Asylsuchende, II) Entlastung der Sozial- und Gesundheitsämter durchgeringeren administrativen Aufwand, III) Kostenvermeidung von insgesamt1,6 Mio. Ausgaben pro Jahr, IV) monatliche Pro-Kopf-Ausgaben sind nicht ge-stiegen, sondern nach Einführung konstant geblieben

    Butolloet al. [14]

    Beurteilung psychischer Erkrankungenim Rahmen des Pilotprojektes „Gut-achterstelle zur Erkennung psychischerStörungen bei Asylbewerbern“ in Mün-chen

    QS I) Hohe Anzahl an Bewerbungen zeigt die Notwendigkeit und Akzeptanz einesDiagnostikzentrums. Hauptgrund für Ausfälle war kurze Verweildauer in Erstauf-nahmeeinrichtung. II) Prävalenz psychischer Störungen: 68,8 %, Hauptdiagnosen:PTBS (27,3 %), Depression (14,3 %). Akuter Behandlungsbedarf: 16,2%

    Casal et al.[15]

    Identifikation von Risikofaktoren fürMultiresistenzenbei Patientenmit Lun-gentuberkulose in Frankreich, Italien,Spanien und Deutschland

    Fall-Kontroll-studie

    i) Risikofaktoren: intravenöser Drogenabusus (OR 4,68), Asylbewerberleistungenals Einnahmequelle (OR 2,55), Pflegeheimunterbringung, frühere Lungen-Tbc(OR 2,03), Gefängnis (OR 2,02), bekannte Tbc-Kontaktperson (OR 2,01), Immun-suppression (außer HIV) (OR 1,96), AIDS (OR 1,96), pulmonale Lokation aktuellerTbc-Erkrankung (OR 1,77) und Mitarbeiter/-innen aus Gesundheitsberufen (OR1,69)ii) Risikofaktor für MDR-TB in Deutschland ist (u. a.) Angabe von Asylbewerber-leistungen als Einnahmequelle (OR = 5,1)

    Claassenet al. [16]

    Darstellung des Umfangs und der Artvon Forschung im Bereich psychischerGesundheit und deren Versorgung inMigrantenpopulationen in Deutschland,UK und Italien und Übersicht über For-schungsziele, Methodik und Ergebnisse

    Systema-tischeReview

    Umfassendere und qualitativ bessere Forschung wird benötigt, um Evidenz überdie bestmögliche Versorgung psychischer Erkrankungen für Migranten zu erhal-ten. Das Volumen an Daten in Deutschland ist in Anbetracht der Herausforderun-gen in diesem Bereich unzureichend. Die Qualität der Studien sollte verbessertwerden. Zukünftige Forschung erfordert eine angemessene Finanzierung, gutemethodologische Qualität und sollte auf Zusammenarbeit innerhalb Europasbasieren

    Diel et al.[21]

    Analyse der Charakteristika der Tbc beiPersonen mit nicht deutscher Staats-angehörigkeit, um zu untersuchen,inwiefern diese einen Beitrag zur Tbc-Inzidenz in Hamburg leisten

    Prosp.moleku-larepi-demio-logischeStudie

    Circa 1/3 aller Tbc-Fälle (108 von 334 [32,3 %]) konnten einer Erkrankung beiAsylsuchenden zugeordnet werden. Signifikant längere Latenzperiode bei Asyl-suchenden von der Ankunft in Deutschland bis zur erstenManifestation derErkrankung. Asylsuchendewiesen ein verzögertes Inanspruchnahmeverhaltenauf: Die Latenzperiode zwischen der retrospektiv erfassten erstenManifestationund der Diagnosestellung lag im Schnitt bei Asylsuchenden bei 6,5 (SD 5,2) Wo-chen, bei anderen Immigranten bei 4,9 (SD 3,1) und war signifikant höher (p =0,009). Die Tbc-Inzidenzrate bei Asylsuchenden, die nach Ankunft in Deutschlanderkrankten, betrug 77 pro 12.145 (634 pro 100.000) und war signifikant höher(p < 0,01) bei Männern (0,82%) als bei Frauen (0,46%). Der Anteil identifizierterTbc-Fälle durch das Screening lag bei 31 pro 12.176 (0,25%)

    Diel et al.[20]

    i) Untersuchungmöglicher Risikofakto-ren der Hepatitis B Virus (HBV)-Infektionund Vergleich der Übertragungswegezwischen der Bevölkerung in Ham-burg mit ausländischer bzw. deutscherStaatsangehörigkeit, ii) Untersuchungder Effektivität von HBV-Kontrollmaß-nahmen in Hamburg

    Prosp.epide-miolo-gischeStudie

    i) Die Chance einer HBV-Infektion beträgt bei Asylsuchenden das 6,93-Facheder Chance von nicht Asylsuchenden, adjustiert für verschiedene Kovariablen(Homosexualität, Anzahl der Haushaltskontakte,Nationalität (deutsch/nichtdeutsch) und Alter des Index-Falls). Der Hauptrisikofaktor war IV-Drogenabu-sus (17,7 % aller gemeldeten HBV-Fälle bzw. 93/524), gefolgt von Immigrationals Flüchtling (13,9 % aller Fälle bzw. 73/524). Die größten Risikofaktoren ei-ner HBV-Infektion waren Homosexualität bei Männern, gefolgt von „Status alsAsylsuchende“ und der Anzahl der Haushaltskontakte.Die Inzidenz in Personennicht deutscher Staatsangehörigkeit (16,1 pro 100.000) betrug das 3,5-Facheder Inzidenz bei Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit (4,5 pro 100.000).Prävalenz der HBV-Infektion bei Asylsuchenden: 678 pro 100.000. ii) Latenz zwi-schen ersten Symptomen und Diagnose: 9–10 Tage. Latenz zwischen Diagnoseund Meldung: 14–15 Tage (bis hin zu 61 Tagen). Empfehlung: freiwilliges Scree-nen und Immunisierung von Personen nicht deutscher Staatsangehörigkeit beinegativer Serologie

    Drewecket al. [22]

    Keine berichtet (implizit: Deskription derEpidemiologie der Tbc in München)

    QS 22 (bzw. 24) Fälle von Tbc bei Asylsuchenden in München im Jahr 2012 (bzw.2009)

    Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 5 · 2016 613

  • Leitthema

    Tab. 3 Tabellarische Übersicht der Zielstellungen, Designs sowie Kernergebnissen der 52 eingeschlossenen Studien (Fortsetzung)

    Ziel/Fragestellung der Studie Design Hauptergebnisse/Schlussfolgerungen der Studie

    Dudarevaet al. [23]

    Identifizierung von Fällen mit PVL-po-sitiven, ambulant erworbenen MRSA-Keimen in einer Flüchtlingsunterkunft inSchleswig-Holstein

    QS Es wurden drei weitere PVL-positive MRSA-Keime identifiziert, die jedoch unter-schiedliche Resistenzen aufwiesen, eine Übertragung innerhalb der Unterkunftwurde ausgeschlossen. Die durchgeführte Kontrollstrategie erwies sich als er-folgreich und eignet sich zur Keimeindämmung in Unterkünften. MRSA-Keime inGemeinschaftsunterkünften sollten besonders aufmerksam therapiert werden

    Gäbelet al. [25]

    1. Stellt PTBS eine relevante Größe unterAsylbewerbern in Deutschland dar?2. Können Einzelentscheidermithilfevon KurzinstrumentenAnzeichen einerPTBS erkennen?

    QS 1. Untersuchung durch Psychologen: PTBS-Prävalenz: 40% (n = 16) bei Asylsu-chenden.Untersuchung durch Einzelentscheider (PDS-Instrument): PTBS-Prävalenz: 60%.2. Qualität der Diagnosestellung durch das PDS-Instrument durch Einzelentschei-der: Sensitivität: 0,6; Spezifität: 0,25. Die Schwierigkeit, traumatische Erfahrungenund resultierende PTBS-Symptome im Rahmen der Erstanhörung durch geschul-te Mitarbeiter des BAFl zu erkennen, weist auf eine Verbesserungswürdigkeit derVerfahrensökonomie des Asylverfahrens hin

    Gardemannet al. [26]

    Analyse der Versorgungssituation vonFlüchtlingskindern in Münster hinsicht-lich des Zugangs zur Versorgung

    QS Inanspruchnahme präventiver Untersuchungen (U-Untersuchungen) ist niedri-ger als bei deutschen Kindern. Flüchtlingskinder haben seltener einen Impfpass,weniger als 10% weisen eine Immunisierung gegen Tetanus auf. Raten vollstän-diger Immunisierung gegen: Diphterie: 9,2 %; Pertussis: 3,2 %; Masern: 12,9 %;Mumps: 11,2%; Röteln: 8,8 %; Polio: 12%. Ein großer Anteil weist Krankenhaus-aufenthalte auf (ein Tag: 16,3 %, bis drei Tage: 32,6%, 20 Tage und mehr: 23,1 %)

    Gauert B[27]

    Eine Basis für ärztliche Entscheidungenüber weitergehendemikrobiologischeUntersuchungen (bzgl. bakteriellen undparasitären Infektionen des Darmes) beiAsylsuchenden zu liefern

    QS Die Pflichtuntersuchungenauf Shigellen und Salmonellen ist nicht ausreichend.Es sollte die gesamte Palette der Enterobacteriaceaeeinbezogen werden. DerUmfang der notwendigen parasitologischenDiagnostik muss sich nach demjeweiligen Herkunftsland richten

    Gavranidouet al. [28]

    Die Häufigkeiten von PTBS und anderenpsychischen Auffälligkeitenbei jugend-lichen Flüchtlingen zu ermitteln undin Bezug zu direkten und indirektenKriegsbelastungen und aktuellen Le-bensbedingungen in Deutschland zusetzen

    QS i) SCAS-RADS-D: 60% der jugendlichen Flüchtlinge erlebten traumatisierendeEreignisse, 16% weisen PTBS-Symptome auf. Die aktuelle und vergangene Le-benssituation der jugendlichen Flüchtlinge ist bzw. war jeweils sehr stressreich.Exilbedingte Belastungen und aktuelle psychologische Symptomeweisen einesignifikante Korrelation auf. Direkte Kriegserlebnisse korrelieren nicht mit selbstberichteten PTBS-Symptomen auf der Youth Self Report (YSR)-Skala. Kinder undJugendliche, die von vielen familiären Belastungen berichten, beschreiben sichgeschlechts- und altersunabhängig auf fast allen YSR-Skalen als pathologischer

    Groß Vet al. [30]

    Evaluation der Projektziele des „SAGA-Projektes“: I) Verbesserung der indivi-duellen Gesundheit durch Maßnahmen,die einer Destabilisierung vorbeugen,II) Verbesserung der Gesundheitsversor-gung von Asylsuchenden durch Abbaustruktureller Defizite

    Projekt-evaluation

    Soziale Stabilisierung (durch Zugang zum Arbeitsmarkt) und psychische Stabili-sierung erwiesen sich als erfolgreich in der Verhinderung von Destabilisierung.Destabilisierungwurde verschlimmert durch eine Nichtanerkennung beruflicherQualifikationen, Diskriminierung oder das Erleben von Ungleichheiten.Maß-nahmen, die die Gesundheitsversorgung erfolgreich verbesserten: Aufbau einesNetzwerkes für traumatisierte Flüchtlinge, Verbesserung der Kommunikation imregionalen Gesundheitssektor, weiterführende Trainings in Traumatherapie fürGesundheitsdienstleister

    Hensel-Dittmannet al. [31]

    Vergleich von zwei aktiven Behandlun-gen für PTBS als Konsequenz von Kriegund Folter: narrative Expositionsthera-pie (NET) vs. Stress Inokulations Training(SIT)

    RCT NET führt zu einer signifikanten Reduktion der PTBS-Symptomatik bei Flüchtlin-gen und Asylsuchenden. NET zeigte eine gute Akzeptanz bei den Patienten undist womöglich einfacher durchzuführen als komplexe Verhaltenstherapie, die einhohes Maß an Einsatz und Verständnis abstrakter Konzepte benötigt wie das SIT.Die Machbarkeit von NET war bei hoch traumatisiertenÜberlebenden organi-sierter Gewalt mit unsicherem Aufenthaltsstatus in Deutschland gegeben. Keinesignifikante Reduktion von PTBS-Symptomen bei der SIT-Gruppe

    HerrmannM [32]

    Beschreibung des Gesundheitszustands,des Gesundheitsverhaltens und derEinstellung gegenüber Gesundheit beiFlüchtlingen

    Ethno-grafie,Inter-view

    Der erste Kontakt von Flüchtlingenmit dem Gesundheitssystem ist die Erstunter-suchung, in der der Fokus auf Infektionskrankheiten liegt.Flüchtlinge leiden unter einer Vielzahl von psychischen und physischen Erkran-kungen, die deutlich mit traumatischen Erlebnissen zusammenhängen

    Jung F[33]

    Bewertung, in welchem Ausmaß das„Bremer Modell“ der Gesundheitsver-sorgung von Asylsuchenden genutztwurde, welche Nationalitäten durchdas Programm erreicht wurden und dasKrankheitsspektrum abzubilden

    Wieder-holte QS

    I) Flüchtlinge sind von einer hohen psychischen und physischen Krankheitslastaufgrund ihrer früheren und gegenwärtigen Lebenssituationbetroffen.II) Nutzung: Aufenthaltsdauer, Akzeptanz der Ärzte und Wartezeitenbeeinflussendie Inanspruchnahme. Frauen zeigen eine höhere Inanspruchnahme aufgrundihrer Rollenmodelle. Die hohe Nutzungsrate zeigt eine große Akzeptanz, jedochverbleiben Bedarfe in der Versorgung, v. a. im Bereich psychischer Gesundheit.III) Das Spektrum physischer Erkrankungen ist breit, außer Tuberkulose sindInfektionskrankheiten jedoch selten

    614 Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 5 · 2016

  • Tab. 3 Tabellarische Übersicht der Zielstellungen, Designs sowie Kernergebnissen der 52 eingeschlossenen Studien (Fortsetzung)

    Ziel/Fragestellung der Studie Design Hauptergebnisse/Schlussfolgerungen der Studie

    Kesseler K[34]

    Evaluation der Durchseuchung mitTbc und die Erkrankung an Tbc beiAsylbewerbern in Abhängigkeit vonAlter, Geschlecht und Herkunftsland

    Prospek-tive epi-demio-logischeStudie

    Die hohe Prävalenz von Tbc bei Asylsuchendenwird als Infektionsrisiko gewertet.Bei jedem Asylsuchenden ist, unabhängig von Herkunftsland, möglichst zeitnahzur Antragsstellung ein Röntgenbild des Thorax zu fertigen

    Koch et al.[35]

    Erfassung des Anteils der PatientenmitMigrationshintergrund im stationärenBereich, ihrer Nationalität, ihrer Her-kunft, weiterer soziodemografischer Da-ten sowie der möglichen Beeinflussungder Diagnostik und der Therapie durchden Migrantenstatusder Patienten

    QS Im Vergleich zu ihrem Anteil an der Wohnbevölkerung zeigt sich eine auffällighohe Zahl von insgesamt 12,9 % Asylsuchenden oder Flüchtlingen und Asylbe-rechtigten unter den stationär Behandelten. Dies spricht für hohe Vulnerabilitätund psychische Belastung dieser Personengruppe. Die Diagnoseverteilungmithohem Anteil schizophrener Psychosen und posttraumatischer Belastungsstö-rungen stützt diese Annahme. Daneben scheint eine lange Dauer von Asylver-fahren (zwei Drittel der Patienten in der Stichprobe lebten schon länger als fünfJahre in Deutschland) einen negativen Einfluss zu haben

    Koch et al.[36]

    Einleitung in die Arbeit mit Flüchtlingenund Darstellung der Verbindung vonverbalen und nonverbalen Therapiekon-zepten

    Fall-studien

    Nonverbale Therapien stellen eine wichtige Ergänzung zu traditionellen verba-len Therapien dar. Tanz- und Bewegungstherapie fördert die emotionale undkognitive Verarbeitung von Trauma und unterstützt Patienten in der Wiederge-winnung einer positiven Beziehung zu ihrem Körper. Es zeigen sich deutlicheUnterschiede im nonverbalen und verbalen Verhaltensrepertoire bei Flüchtlin-gen

    Kruseet al. [37]

    Untersuchung der Effekte der erstenStufe der Psychotherapie auf PTBS-Sym-ptome und somatoforme Störungenbei Kriegsflüchtlingenmit PTBS undkomorbiden somatoformen Störungen

    Interven-tionsstu-die (nichtrandomi-siert)

    Die Stabilisierungsphaseder traumafokussierten Psychotherapie reduziertePTBS-Symptome und psychischen Disstress bei Flüchtlingenmit PTBS und ko-morbiden somatoformen Störungen. Die Behandlung somatoformer Störungenbei Kriegsflüchtlingen sollte koordiniert mit der PTBS-Therapie erfolgen

    Lamott F[38]

    Was denken und wissen Flüchtlinge ausdem Kosovo und Flüchtlingsexpertenin den Aufnahmeländern über Trau-ma? Welche Bedeutung hat Trauma fürdie persönliche, nationale und auchGeschlechtsidentität?Welche Konse-quenzen ergeben sich für die Arbeit mitFlüchtlingen?

    Interviews,teilneh-mendeBeob-achtung

    Eine Flüchtlingspolitik, die das Recht auf Asyl an einen Trauma-Opfer-Statusbindet, entmächtigt und pathologisiert passiv das Trauma als politisches Instru-ment. Therapeutische und soziale Arbeit mit Flüchtlingen erfordert eine Balancezwischen Empathie für die Flüchtlinge und einer kritischen Sensitivität, um kon-traproduktive Aspekte des Traumadiskurses zu verhindern

    Loytvedet al. [40]

    i) Welchen Stellenwert hat die aktiveFallfindung für die Bekämpfung der Tbcin Unterfranken?Welche Behandlungs-erfolge werden erzielt und durch welcheFaktoren geschmälert?

    Retrospek-tive Ko-horten-studie

    i) Aktive Fallsuche hat einen hohen Stellenwert bei Asylsuchenden und Aussied-lern. Patienten, die die Behandlung abbrachen, waren zumeist „30–40 Jahre“,„männlich“ und „asylsuchend“. Röntgenuntersuchungen in Erstaufnahmeein-richtungen tragen wesentlich zur Fallfindung bei (45 Fälle). Der Anteil einesungünstigen Behandlungsausgangs ist bei Asylsuchenden höher als bei derRegelbevölkerung

    Moham-madzadehZ[42]

    Evaluation des „Bremer Erstuntersu-chungsprogramms für Asylsuchende“

    Retrospek-tive Ko-horten-studie

    Das Angebot von Erstversorgung verbesserte die Gesundheitsversorgung Asylsu-chender, sparte Ressourcen und reduzierte Überweisungen. Die lange Beziehungzwischen Ärzten und Asylsuchenden verbesserte die Compliance und die Koope-rationmit Hausärztenwar erfolgreich

    Möhlenet al.[41]

    i) Untersuchung des Zusammenhangszwischen der Anzahl traumatischer Er-eignisse und dem Ausmaß psychischerErkrankungen, ii) Implementierung undEvaluation der Effektivität eines neu-artigen kurzfristigen psychosozialenBehandlungsprogrammbei Kindern undJugendlichen Flüchtlingen

    Interven-tionsstu-die (be-fore afterstudy)

    i) Die Anzahl der traumatischenEreignisse (erhoben durch HTQ) war stark mitder Schwere posttraumatischer und depressiver Symptome assoziiert und mitder Einschränkung globaler psychosozialer Funktionen nach Traumatisierung.Das Ausmaß der Angstsymptomatikwar nicht signifikantmit der Anzahl trau-matischer Ereignisse assoziiert. Die Basisunterstützung der Intervention zeigtepositive Effekte auf die Teilnehmer hinsichtlich der Reduktion emotionalen Diss-tresses und der Verbesserung globaler psychosozialer Funktionen

    NijhawanM [43]

    Eine Diskussion der Lebensumständeund der gesundheitlichen Situationenvon Punjabi-Flüchtlingen in Frankfurt

    Ethno-grafie

    Bereits kranke Personen werden nur unzureichend versorgt. Das Leben in Asy-lunterkünften verschlimmert das Problem, da die hygienischen Bedingungensehr schlecht sind, die Unterkünfte sind überfüllte, unsichere Ort und die Ge-fahr von Überfällen und Angriffen ist stets präsent. Die Unterkünfte sind meist inRandbezirken lokalisiert und machen es schwer für Bewohner zu arbeiten odermedizinische Hilfe zu suchen. Einige Personen berichten von physischer Gewaltdurch deutsche Beamte, viele Flüchtlinge haben Suizid begangen und einigeüberlebten den Prozess der Abschiebung nicht

    Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 5 · 2016 615

  • Leitthema

    Tab. 3 Tabellarische Übersicht der Zielstellungen, Designs sowie Kernergebnissen der 52 eingeschlossenen Studien (Fortsetzung)

    Ziel/Fragestellung der Studie Design Hauptergebnisse/Schlussfolgerungen der Studie

    Niklewskiet al. [44]

    Analyse der Prävalenz und Behand-lungsbedarfe psychischer Erkrankungenin einer Asylbewerberunterkunft inZirndorf. Implizit: Erfassung von un-terschiedlichen Prävalenzen je nachSampling-Strategie (Selbstzuweisungvs. Zufallsauswahl)

    QS I) Prävalenz (Zufallsstichprobe/Selbstzuweiser): psychiatrische Symptome(45%/78,5 %); PTBS (17%); PTBS und depressive/Angststörungen (37,6 %)II) Prävalenz (Zufallsstichprobe/Selbstzuweiser): akuter Behandlungsbedarf(25,6 %/50,6 %), Bedarf ambulanter oder stationärer Behandlung (Gesamt-stichprobe: 51,6 %), III) Krankheiten und Symptomewaren in der Gruppe derSelbstzuweiser signifikant höher als in der Zufallsstichprobe

    Otto Met al. [45]

    Implizit: Untersuchung der Quelle fürhohe Quecksilberbefundebei Asylsu-chenden in Lagern

    QS Quecksilberhaltige Kosmetika (Hautcremes) führten zu endemischer Belastungbei den Asylsuchenden

    Rohlederet al. [49]

    Untersuchung bosnischer Kriegsflücht-linge mit PTBS im Vergleich zu gesun-den Kontrollpersonen auf Hypokortiso-lismus, eine überreagible Entzündungs-reaktion und den Effekt von Glukokorti-koiden

    QS I) Es zeigt sich eine abgeschwächte Kortisolausschüttung in bosnischen Kriegs-flüchtlingenmit PTBS im Vergleich zu Kontrollpersonen ohne PTBS, ebenso wieniedrigere Kortisolspiegel im Tagesverlauf, II) PTBS-Patienten zeigen eine gestei-gerte Sensitivität für proinflammatorische ZytokineIII) Höhere Glukokortikoidsensitivität ist mit niedriger Kortisolantwort amMor-gen assoziiert

    Ruf-Leuschneret al. [50]

    Untersuchung der Prävalenz psychi-scher Erkrankungen (v. a. PTBS) bei inDeutschland lebenden Flüchtlingskin-dern und Identifizierung von Prädikto-ren für die Stärke der PTBS-Symptoma-tik

    QS Jedes fünfte Kind von Asylsuchenden in Deutschland, die in 2003/2004 in Ge-meinschaftsunterkünften lebten, litt an PTBS. Die Anzahl traumatischer Erlebnis-se bestimmt die Stärke der PTBS-Symptome, unabhängig von Geschlecht oderAlter

    Ruf-Leuschneret al. [51]

    Untersuchung eines Zusammen-hangs zwischen PTBS-Symptomenvon Müttern und PTBS-Symptomen/traumatischenErlebnissen der Kinder,Gewalterfahrungen in familiäremKon-text der Kinder und Gewalterfahrungender Mütter in deren Jugend/Gewalt inder Partnerschaft der Mütter, Geschlechtdes Kindes und familiärerWohnsituati-on

    QS I) Es wurde kein statistischer Zusammenhang zwischen PTBS-Symptomen derMutter und des Kindes gefundenEs besteht ein positiver Zusammenhang zwischen II) der Stärke der mütterli-chen PTBS-Symptome und familiärer Gewalterfahrung des Kindes, III) familiärerGewalt in der Kindheit der Mutter und familiärer Gewalterfahrungen durch dieKinder, IV) von Kindern berichteten Traumasymptomenund dem Ausmaß erleb-ter Gewalt in familiärem und externem Kontext, VI) stärkeren PTBS-Symptomenbei Kindern, die in Gemeinschaftsunterkünften leben

    Sabes-Figueraet al. [52]

    1) Bewertung der ökonomischen Spät-folgen des Krieges durch Messung dergegenwärtigen Nutzung und Kostenvon Gesundheitsdiensten in einer Bevöl-kerung, die kriegsbezogene Trauma imehemaligen Jugoslawien erlebte.2) Identifizierung von Faktoren auf in-dividueller Ebene, die die Unterschiedein Gesundheitskosten erklären, undBeurteilung, ob diese Faktoren sich zwi-schen Personen unterscheiden, die inder Kriegsregion blieben oder in andereLänder flüchteten

    Multi-zentrischeQS

    I) Unter den westlichen Ländern berichtetenbosnische Kriegsflüchtlinge ausDeutschland eine höhere Inanspruchnahme von fachärztlichenDiensten. II) DieKosten für Gesundheitsdienstewaren in Deutschland doppelt so hoch wie inItalien oder Großbritannien. III) Es besteht ein positiver Zusammenhang zwi-schen Inanspruchnahmemedizinische Dienste und Alter, während Beteiligungan Kampfhandlungen zu einer niedrigeren Inanspruchnahme führt. IV) Männerhaben eine niedrigere Wahrscheinlichkeit Hilfe zu erhalten als Frauen. V) BeiVorliegen von Angststörungen (und affektiven Störungen) waren die Gesund-heitskosten 76% (63%) höher verglichenmit dem Fehlen dieser zusätzlichenSymptome. VI) Gesundheitsausgaben von Beschäftigten lagen unter denen, diekeine Arbeit haben

    Schmidet al. [53]

    Untersuchung der Konzentration vonChlorkohlenwasserstoffen bei Flüchtlin-gen je nach Herkunft und Vergleichmitder Exposition der deutschen Bevölke-rung

    QS Chlorkohlenwasserstoffe existierenweltweit und konnten in allen Flüchtlings-populationen nachgewiesenwerden mit nur leichten Variationen je nach Her-kunftsregion. Das Insektizid DDT konnte in weit höheren Leveln bei Flüchtlingenals bei Deutschen nachgewiesenwerden

    Schwarz-Langeret al. [56]

    Beschreibung der psychiatrischen/psychotherapeutischenBehandlungvon 13 Kriegsflüchtlingen aus dem ehe-maligen Jugoslawien, die traumatischenErlebnissen ausgesetzt waren

    Fallstudie Die Behandlung umfasst Phasen der Stabilisierung, der Selbstkontrolle, Erinne-rung und Trauer und Reintegration, kombiniert mit medikamentöser antidepres-siver Therapie. Alle Patienten zeigten eine Verbesserung des Schlafverhaltensund eine Verminderung von Intrusionen und Hyperarousal. Der positive Effektdurch Antidepressiva zeigte sich nach einigenWochen in Form vermehrter Le-bendigkeit, Mut und Interesse

    616 Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 5 · 2016

  • Tab. 3 Tabellarische Übersicht der Zielstellungen, Designs sowie Kernergebnissen der 52 eingeschlossenen Studien (Fortsetzung)

    Ziel/Fragestellung der Studie Design Hauptergebnisse/Schlussfolgerungen der Studie

    Sieberer Met al. [57]

    Untersuchung der Häufigkeit von Trau-matisierung, Suizidalität und gestellterDiagnosen und eine Beschreibung dersoziodemografischen Charakteristikadieser Population

    Retrospek-tiveStudie

    I) Auftraggeber psychologischer Gutachten: Verwaltungsgericht (45,2 %), Flücht-lingsrat (19,4 %); Gutachten im Rahmen von Asylfolgeverfahren: 58,1 % oderWiederaufnahme der Verhandlung: 19,4 %. II) Häufigste gutachterliche Fragestel-lungen: Vorliegen psychischer Erkrankung (77,6 %), diagnostische Klassifikation(81%), Vorliegen von PTBS (46,6 %), psychische Störung mit möglicher Trauma-tisierung (41,4 %), Glaubwürdigkeit (19 %) und Reisefähigkeit (19%). III) Vorlie-gen einer früheren Traumatisierung: 82,3 %; Bericht traumatischer Erlebnisse:58%; Gründe der Traumatisierung: physische Gewalt (50%), Folter (29,7 %).IV) Diagnosen: PTBS (74,1 %), depressive Störungen (59,8 %), suizidale Absichten(74,1 %), versuchter Suizid (27,6 %), Frauen werden dabei häufiger als Männerals suizidal bewertet (70,4 % vs 45,7 %). Suizidale Absichten korrelieren nicht mitdem Aufenthaltsstatus

    Stellbrink-Kesy B[58]

    Die Rolle der Kunsttherapie in der Verar-beitung traumatischer Erlebnisse

    Fallstudie Kunst funktioniert als Filter und Schutz traumatischer Erlebnisse, Kunst stärktdas Selbstbewusstsein und die Abgrenzung von „innen“ und „außen“, die Ab-grenzung zwischen Vergangenheit und Gegenwart und ist daher geeignet zurBewältigung von Trauma-Erlebnissen

    Takla Aet al. [59]

    1) Epidemiologische Beschreibungeines Masernausbruchs in einer Asyl-bewerberunterkunft 2) Beurteilung derdurchgeführten Impfung von Personenmit serologisch negativem Testergebnisim Vergleich zu einer hypothetischenReihenimpfung bezüglich vermeidbarerErkrankungen, Logistik und Kosten

    Kosten-Nutzen-Analyse

    I) Die Ergebnisse sprechen für die Durchführung einer Reihenimpfung statt selek-tiver Impfung nach serologischer Testung. Durch unverzügliche Reihenimpfungwären acht Fälle vermeidbar gewesen. Die Logistik der serologischen Testungstellte sich in dieser Situation als schwierig dar. Nur 2/3 der Bewohner nahmenan den freiwilligen serologischen Tests teil und es waren vier Kontakte zwischenden Bewohnern und dem Team notwendig. Die Kosten für serologische Testungund selektive Impfung übertrafen die angenommenen Kosten der hypotheti-schen Reihenimpfung um das Doppelte

    Von Lers-ner et al.[61]

    Untersuchung der psychischen Ge-sundheit von Flüchtlingen aus demehemaligen Jugoslawien, die in ihre Hei-mat zurückkehren, und eine Bewertungder Umstände, unter denen Menschenbeschließen zurückzukehren

    Interven-tionsstu-die (nichtrandomi-siert)

    I) Die psychische Belastung unter Flüchtlingen, die an freiwilligen Rückkehrpro-grammen teilnehmen, ist schon vor der Rückkehr sehr hoch (Prävalenz psychi-scher Erkrankungen: 53%) und neun Monate nach Rückkehr in die Heimat nochhöher (88%). Die häufigsten psychischen Erkrankungen sind affektive Störungenund PTBS

    Von Lers-ner et al.[62]

    Betrachtung der psychischen Gesund-heit von Flüchtlingen aus dem ehema-ligen Jugoslawien vor ihrer Rückkehr indie Heimat und Vergleich ihrer Gesund-heit mit „Bleibenden“

    Interven-tionsstu-die (nichtrandomi-siert)

    I) Prävalenz psychischer Erkrankungen vor der Rückkehr: 44% bei Rückkeh-rern, 78% bei „Bleibenden“. Beschriebenwerden v. a. PTBS (Rückkehrer: 31%/Bleibende: 55%), Depression (32%/52%) und erhöhte Suizidalitätsraten(27%/43%). 38% (Bleibende: 59%) befanden sich in psychologischer Behand-lung. Die Lebensqualität vor der Rückkehr stellt sich vergleichbar mit der Allge-meinbevölkerung dar

    Von Lers-ner U et al.[60]

    Bewertung der psychischen Gesundheitvon Flüchtlingen aus dem ehemaligenJugoslawien, die in Deutschland lebtenund keine Rückkehr beabsichtigten,und Betrachtung deren Motive für undgegen eine Rückkehr

    QS I) Der ausgeübte psychische Druck auf Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugo-slawien, die seit elf Jahren in Deutschland leben, ist alarmierend hoch und wirddurch eine schlechte Integration verstärkt. II) Beschriebenwerden v. a. PTBS(50%), affektive und Angststörungen und hohe Raten für Suizidalität. III) 50%der Teilnehmer waren bereits in psychologischer Behandlung. IV) Bildung stellteinen protektiven Faktor für psychische Gesundheit dar, es besteht kein Zusam-menhang zwischen Berufstätigkeit und psychischer Gesundheit. Die Gründe füreinen weiteren Aufenthalt in Deutschland sind vorrangig persönlicher Natur

    Welbelet al. [63]

    Bewertung der Zugänglichkeit zu Sucht-therapie sozialer Randgruppen, u. a.Asylsuchende, in benachteiligtenGe-genden europäischer Städte

    QS Die Zugänglichkeit zu Suchttherapie ist unterschiedlich in verschiedenen euro-päischen Ländern und niedrigschwellige Angebote sollten verbessert werden.Berlin zeigt im Vergleich zu anderen Städtenmehr gruppenspezifische suchtthe-rapeutische Angebote für Asylsuchende (n = 4)

    Wolf M &Tschohl P[66]

    Implizit: Beschreibung der Epidemiolo-gie einzelner Frontzahnlücken bei Exil-Tamilen

    Fall-Kontroll-Studie

    81,9 % der Zahnverluste sind fachgerecht durchgeführt, der Termin der Zahn-extraktion korreliert mit dem Zeitpunkt der Auswanderung der Patienten ausihrer Heimat. Die Aussagen der Patienten zum Zahnverlust stimmennicht mitklinischen Befunden überein und sollten ethnologisch untersuchtwerden

    Wolf M[64]

    Implizit: Beschreibung der Erfahrungenim Bereich der Zahnversorgung ein Jahrnach Einführung des AsylbLG und denRestriktionen im Zugang zur Versorgung

    QS I) Einer großen Anzahl an Asylsuchendenwurde aufgrund der neuen Regulatio-nen zahnärztliche Behandlung untersagt. Ein Jahr nach Einführung des AsylbLGzeigt sich eine Tendenz hin zu einer Zweiklassenmedizin. II) Die Kosten stiegen in1994 im Vergleich zu den Vorjahren um 100% an. Das Ziel des neuen Gesetzes,die Kostensenkung, wurde nicht erreicht

    Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 5 · 2016 617

  • Leitthema

    Tab. 3 Tabellarische Übersicht der Zielstellungen, Designs sowie Kernergebnissen der 52 eingeschlossenen Studien (Fortsetzung)

    Ziel/Fragestellung der Studie Design Hauptergebnisse/Schlussfolgerungen der Studie

    Wolf M[65]

    Erforschung der Ätiologie einzelnerFrontzahnlücken bei Exil-Tamilen

    QS Unter Exil-Tamilen besteht eine hohe Prävalenz einzelner Frontzahnlücken, durchärztliche Extraktion und nicht traumatisch,wie von den Patienten berichtet wird.Die Aussagen der Patienten zum Zahnverlust stimmen nichtmit klinischen Be-funden überein und sollten ethnologisch untersucht werden

    Zepinicet al. [68]

    Untersuchung, wie Flüchtlinge die er-haltene Unterstützung beurteilen undwelche Art von Unterstützung sie für dieZukunft erhoffen

    QS I) Flüchtlinge erleben in allen Aufnahmeländern gut organisierte Unterstützung,am besten organisiert in Großbritannien.II) Deutschland: medizinische Primärversorgung hilfreich: 62,9 %; erhaltene Un-terstützung insgesamt erniedrigend: 8 %; psychologische Unterstützungwird inDeutschland häufiger (64,6 %) genutzt (als in anderen EU-Ländern) und als hilf-reich empfunden. III) Flüchtlinge zeigen PTBS und Depression (51,6 %) generelleAngst (44 %)

    Zielke-NadkarniA et al.[69]

    Präsentation von Daten zum Versor