Über Veränderungen des weißen Blutbildes im Rahmen einer vegetativen Gesamtumschaltung nach intravenöser Injektion von Leukerethin

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  • Aus der Medizinischen Universit~itsklinik und Polikl inik Tfibingen (Direktor: Prof. Dr. Bennhold).

    ~J-ber Ver~inderungen des weil~en Blutbildes im Rahmen einer vegetativen Gesamtumschaltung naeh

    intraveniiser Injektion von Leukerethin. Von

    G. BSwing. Mit 6 Textabbildungen.

    Auf Grund yon Beobachtunger~ am Ablauf des weil~en Blutbildes unter unspezifischen Reizen kam F. Hoff 1 letzter~ Endes zu seinen bekannten Auffassungen fiber die vegetative Gesamtumschaltung als einen unspezifischen Abwehrvorgang des Organismus. Es, war des- wegen yon besonderem Interesse, den Verlauf einer vegetativen Ge- samtumschaltung an einem Leukozytose erregenderL Faktor zu priifen, den R. Abderhalden 2 aus dem Ham yon Schwangeren, aber auch yon anderen gesunden Personen isoliert und Leukerethin ge- nannt hat. Er fand, dab dieser Stoff beim Menschen und Tier nach initialer Leukopenie unter Schfittelfrost und Fieber eine starke Leukozytose mit Linksverschiebung verursacht, die nach 4 bis 7 Tagen wieder abklingt.

    Wir untersuchten nach intravenSser Injektion von Leukerethin beim Menschen auger dem w eiBen Blutbild verschiedene Stoff- wechsel- und Kreistauffunktionen. N~ihere Einzelheiten siehe BSwing 3. Die Summenkurve (Abb. 1) zeigt die erhobenen Befunde. Die dutch Leukerethin bewirkten Schwankungeil der einzelnen Kurven ergeben das Bild einer ausgeprfigten vegctativen Gesamt- umschaltung im Sinne Hoffs. Es lfiI~t sich aber nicht iibersehen, dab bei der Mehrzahl der Kurven nach einer Stunde eine Initialschwan- kung auftritt, die der spiReren ergotropen Leukerethinwirkung ent- gegengesetzt verl~iuft. Die:se initiale Schockphase kam regelm~i~ig zur Beobachtung. Ihr folgen eine ergotrope Reaktionsphase (ent- sprec:hend Stellung A der vegetativen Gesamtmnschaltung) und schlieBlich eine Normalisierungsphase (entspreehend Stellung B der vegetativen Gesamtumschaltung), wfihrend letzterer die einzelnen Kurven mit versehiedenen Latenzzeiten zum Ausgangswert zurfick- kehren.

  • G. BSwing: 0ber Vergnderungen des weil~en Blutbi ldes. 471

    Wir finden also einen dreiphasigen unspezifischen Abwehrvorgong, wie ihn aueh Siedeck ~ newts B6ck, Fanta und Siedeck ~ naeh un- spezifischen Reizen besehrieben haben. Die Gliederung Siedecks hi ,,Bereitstellungsphase", ,Leistungsphase" und ,,Erholungsphase '~

    Abb. 1. Darstellung der Leukerethinwirkung auf alle untersuchteu Funktioneu. Unsere Stadieneinteilung zeichnet sioh ab. Die ein- zelnen K6rperfunktionen haben in der ini- t ialen Schockphaso verschieden hoho Schwel- leaworte sowie in den zwei folgenden Stadien des unspezifischen Abwehrvorganges vor- schiedene Latenzzeiten veto Beginn des Reizss bis zur Manifestation der Reizwirkung. Temp. ~ Temperatur (rectal) in o Celsius. SE ~ Serumeison (Heilmoyer-Pliitner) in Gamma% . DL =Dermographische Latenzzeit (Nothaas) in sec. RR=Blutdruck an der A. eubitalis in mm Hg. BZ ~ Blatzucker (Hage- dorn-Jensen) in rag~ Pa ls=Frequenz des Radialispulses pro Minute. Ref .~ Refrakto- meterwert dos Serumeiweil~ in g~ Leaks i. Tausend = je 1000 Leakozyten pro cram. 0,25 i. v . : 0,25 ccm der injiziortea LSsung enthielten etwa 0,6 mg Trockensubstanz. des

    Leukerethin.

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    entspricht ohne Einschriinkung unserer Stadieneinteilung. Hoff * bestiitigte uns, dal~ durchaus die Berechtigung zu ether solchen Ein- teilung bestehe. Er habe der Schockphase entsprechende Befunde auch beobachtet, sie aber wegen ihres seltenen Auftretens, ihrer ge- ringeren klinischen Bedeutung and ihrer nur kurzzeitigea Erfa- barkeit nicht in sei n Schema der vegetativea Gesamtumschaltung einbezogen. Eine ~ihnliche Stellungnahme zu den Arbeiten Siedecks erfolgte neuerdings in einem Ubersichtsreferat Hells 6. Wir mSchten noch hinzufiigen, dab sicherlich zur AuslSsung eines initialen Schockes eine bestimmte Reizst~irke und ein akutes Einwirken des Reizes erforderlich sind.

    Auf diese Zusammenh~inge und die Beziehungen zwischen den Reaktlonen im Leukerethinfieber und der vegetativen Gesamt- umschaltung Hells einerseits sowie dem allgemeinen Adaptions- syndrom (AAS) Selyes 7 anderseits wurde bereits hingewiesen ~

    * Br ie f l i che Mit te i lung.

  • 472 G. BSwing :

    (Thedering und B6wing s). Aui~erdem bestehen bet diesen vegetativen Gesamtreaktionen Abh~ingigkeiten von der Intaktheit der Funktions- kreise (Hoff) im ~egetativen System und von der vegetativen Aus- gangslage s

    Zur Methodik unserer Untersuchungen. Bet 20 stoffwechsel- und kreis laufgesuuden Personen injizierten wir wie Ab-

    derhaldeu, Mall und Binder 9 in der Regel 10 Gamma Lenkerethin pro Ki logramm

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    Abb. 2. E~ zeigt sich eine eindeutige Wirkung des Leukerethin auf die Louko~ tenzahl. Dem ini= tialen Leukozytensturz folgt ein steiler Anstieg und ein allm~ihlicher Abfall. Leuko i. T.----je 1000 Leukozyten pro cram. Std.----Stunden nach Injektion des Leukerethin. Uhrz. ~ Uhrzeit.

    -{-~ einfacher mittlerer Fehler.

    KSrpergewicht intravenSs, also durchschnitt l ich 0,6 his 0,7 rag. Bet den Leuko- zyten wurde jeweils yon zwei Z~ihlungen in der Zeiss-Thoma-Z~hlkammer der Mittelwert genommen. Die Blutausstriche wurden nach Pappenheim gefiirbt und je 400 Leukozyten ausdifferenziert, wobei auf toxische Ver~inderungen der Zellen geachtet wurde. Die ermittelten Prozentwerte wurdeu in absolute Zahlen nmgerechnet, was sich bet den starken Schwankungen der Leukozytenzahl ffir eine Beurieilung der tats~ichlichen Ver~inderungen als unbedingt notwendig er- wies. Methodik der iibrigen Untersuchungen sowie Methodik der Auswertuug siehe 3 und a

  • (Jber Ver~nderungen des weigen Blutbildes. 473

    Mittelwerte tier Untersuchungen yon 20 F6llen.

    Die Leukozytenzahl (A,bb. 2) ffllt in tier ersten Stunde auf 52% des Ausgangs- wertes ab. Ein Leukozytensturz erfolgt bei allen 20 Fiillen. Aueh Abderhaldert besehreibt den Leukozytensturz als eine regelm~igige Erseheinung und stellt lest, dag die initiale Leukopenie in ihrem Ausmal3 vonder Hfhe tier angewandten Dosis des Leukerethin abhfingig ist. )[hnliehe Beobaehtungen maehten HoH ~o beim Pyrifer sowie Widmann nnd Sourer ~ bei Colehizinbelastungen yon Batten.

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    Abb. 3, Graph ieehe Dars te l lnng des Jusmaf les , der ze i t l i chen Verhgdtn isse und der e inze lnen Ze l l - klassen der Linksversehiebung. L. V. i. T.=je 1000 uasegmentierte Neu~rophile (Myelozyten, Jugendliche und Stabkernige). Stabkernige i. T.=je 1000 Stabkernige, Seg i, 1000=je lo00 Seg- mentkernige. Jug, i. 100=je 100 Jugendliehe. Die Zah]enangaben betreffen die Zellzahl pro cram.

    -~- = einfacher mittlerer Fehler.

    In unserer Leukerethinkurve wird der Ausgangswert zwischen der zw.eiten und vier- ten Stunde iib ersehritten und ist zur aehten Stunde sehon mehr als verdreifaeht. D er Gipfel wird 16 Stunden naeh Injektion erreieht und en~tsprieht mit 37.860 Zellen pro Kubikmillimeter 428% des Ausgangswertes. Die Kurve sinkt dann wesent- lieh langsamer wieder ab und liegt naeh 72 Stunden noeh 50% fiber dem Leerwert.

    Differentialblutbild. Mgelozgten (Abb. 3) fanden wir bei 85% der untersuehten Fiille. Der Gipfel-

    wert naeh 12 Stunden betriigt 65 Zellen pro Kubikmillimeter. Auch Abderhalden, Mall und Binder beriehten fiber das Auftreten yon MYelozyten im Blutausstrieh zu entspreehender Zeit.

    Jugendlicbe (Abb. 3) stellten wit bei allen 20 Patienten lest. Gipfel mit 1430 Zellen pro Kubikmillimeter naeh 16 Stunden.

    Acta Neurovegetat iva~ B~ncl X, Heft 4. 31

  • 474 ~,. B5wing:

    Stabkern ige (Abb. 3) traten in einem sehr hohen Prozentsatz auf. Gipfelwert naeh 20 Stunden 14.000 Zellen pro Kubikmillimeter.

    Fassen wir diese drei Zellformen zusammen, so ergibt sich eine ganz erhebliche L inksversch iebung (Abb. 3, 4 und 5), die zwisehen der zweiten und aehten Stunde die Zahl tier Segmentkernigen fibertrifft. Der absolute Gipfel liegt mit 15.200 Zelien

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  • {Jber Veriinderungen des weigen Blntbildes. 475

    Gipfel mit 1400 Zellen pro Kubikmillimeter, was 335% des. Ausgangswertes ausmacht.

    Die Lgmphozgtel~ (Abb. 4 und 5) fallen nach der ersten Stunde im Gegen- sa~tz zu den Neutrophilen welter ab bis zu ihrem Tiefpunkt nach 4 Stunden mit 655 Zellen pro Kubikmilli- meter, en.tspreehend 21% des Ausgangswertes. Naeh einem sehmalen Gipfel zur 20. Stunde steigen ~ie wie die Eosinophilen bis zum Ende der Ul~,tersuehung weiter an, wiihrend die Granulozyten und Monozyten abfallen.

    Bei der Auswertung unserer Differentialblut- bilder legten wir wegen der starken Verschie- bungen der