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Kapitel 22 Empirische Erfassung der Achtsamkeit – Die Konstruktion des Freiburger Fragebogens zur Achtsamkeit (FFA) und weitere Validierungsstudien 1 Harald Walach, Nina Buchheld, Valentin Buttenmüller, Normann Kleinknecht, Paul Grossmann & Stefan Schmidt Zusammenfassung: Eine empirische Beforschung des Achtsamkeitskonzepts erfordert auch die Erfassung des Konstruktes selbst. Ob dies prinzipiell mit dem gegebenen metho- dischen Inventar der Psychologie möglich ist, wird kurz diskutiert. Zwei bereits im eng- lischen Sprachraum existierende Instrumente werden skizziert, bevor die Konstruktion und Validierung des Freiburger Fragebogens zur Achtsamkeit (FFA) beschrieben wird. Zunächst wurde auf der Basis einer Literaturstudie und anschließender Bewertung durch ExpertInnen ein Fragebogen mit 38 Items erarbeitet. Dieser wurde an Stichproben von 115 TeilnehmerInnen an einem Vipassana-Retreat jeweils vor und nach dem Retreat aus- gefüllt. Aus diesen Daten konnte die 30-Item-Langform des FFA gebildet werden, die mit Korrespondenzadresse: [email protected] Heidenreich, T. & Michalak, J. (2004). Achtsamkeit und Akzeptanz in der Psychotherapie. Ein Hand- buch. Tübingen: dgvt-Verlag. 1 Danksagung: Unsere Arbeit wird vom Samueli Institute, Newport Beach, CA unterstützt. Die ursprünglichen Arbeiten von Nina Buchheld sowie die Folgestudie von Valentin Buttenmüller und Norman Kleinknecht gehen auf zwei von Harald Walach betreute Diplomarbeiten zurück, die dem In- stitut für Psychologie der Albert-Ludwigs-Universität vorgelegt wurden. Wir bedanken uns bei allen Experten und Probanden, die uns bei diesen Arbeiten unterstützt haben.

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  • Kapitel 22

    Empirische Erfassungder Achtsamkeit

    Die Konstruktion des FreiburgerFragebogens zur Achtsamkeit

    (FFA) und weitereValidierungsstudien1

    Harald Walach, Nina Buchheld, Valentin Buttenmller, Normann Kleinknecht, Paul Grossmann & Stefan Schmidt

    Zusammenfassung: Eine empirische Beforschung des Achtsamkeitskonzepts erfordertauch die Erfassung des Konstruktes selbst. Ob dies prinzipiell mit dem gegebenen metho-dischen Inventar der Psychologie mglich ist, wird kurz diskutiert. Zwei bereits im eng-lischen Sprachraum existierende Instrumente werden skizziert, bevor die Konstruktionund Validierung des Freiburger Fragebogens zur Achtsamkeit (FFA) beschrieben wird. Zunchst wurde auf der Basis einer Literaturstudie und anschlieender Bewertung durchExpertInnen ein Fragebogen mit 38 Items erarbeitet. Dieser wurde an Stichproben von115 TeilnehmerInnen an einem Vipassana-Retreat jeweils vor und nach dem Retreat aus-gefllt. Aus diesen Daten konnte die 30-Item-Langform des FFA gebildet werden, die mit

    Korrespondenzadresse: [email protected], T. & Michalak, J. (2004). Achtsamkeit und Akzeptanz in der Psychotherapie. Ein Hand-buch. Tbingen: dgvt-Verlag.

    1 Danksagung: Unsere Arbeit wird vom Samueli Institute, Newport Beach,CA untersttzt. Die ursprnglichen Arbeiten von Nina Buchheld sowie dieFolgestudie von Valentin Buttenmller und Norman Kleinknecht gehenauf zwei von Harald Walach betreute Diplomarbeiten zurck, die dem In-stitut fr Psychologie der Albert-Ludwigs-Universitt vorgelegt wurden.Wir bedanken uns bei allen Experten und Probanden, die uns bei diesenArbeiten untersttzt haben.

  • einer internen Konsistenz von r = .93 und einer Vierfaktorenstruktur gute psychometri-sche Kennwerte aufweist. In einer weiteren Validierungsstudie wurde diese Langform an drei Stichproben ausgege-ben: 65 Personen, die an Achtsamkeitskursen teilnahmen, 86 Personen, die keine weiterenVerbindungen zu buddhistischen oder Meditationskonzepten hatten, sowie an eine klini-sche Stichprobe von 117 Personen. Die Stichprobe der Normalbevlkerung wies fr einigeItems eine geringe Trennschrfe auf. Offensichtlich werden diese nur von Menschen, diemit dem Achtsamkeitskonzept vertraut sind, semantisch verstanden. Lsst man dieseschwierigen Items weg, ergibt sich eine semantisch und psychometrisch robuste Kurzformmit 14 Items (a = .87). In einer Faktorenanalyse zeigte sich hier anstatt der Vierfaktoren-struktur ein Generalfaktor. Die Korrelation mit anderen Skalen ergab eine berzeugendeValidierung. Das Instrument korreliert positiv mit privater Selbstaufmerksamkeit (r =.29) und Selbstkenntnis (r = .55), jedoch negativ mit Dissoziation (r = .29) und psychi-scher Belastung (r = 40).

    Wenn die Wissenschaft beweisen sollte, dass eine wesentliche Aussage des Buddhismus falsch ist,

    dann muss sich eben der Buddhismus dementsprechend ndern.

    Dalai Lama

    Theoretische und selbstkritische Vorbemerkung

    Vor allem in den USA ist ein reges Interesse an buddhistischen Kon-zepten und ihrer Brauchbarkeit fr Psychologie und klinische Praxisauszumachen (Docket, Dudley-Grant & Bankart, 2003). Ein Grund da-fr ist sicherlich, dass ein Achtsamkeitstraining, das von Jon Kabat-Zinn aus der traditionellen Achtsamkeitsmeditation des Theravada-Buddhismus entwickelt wurde, im Rahmen verhaltensmedizinischerProgramme weit und erfolgreich eingesetzt wird (Kabat-Zinn, 1982;Kabat-Zinn, Lipworth & Barney, 1985; Kabat-Zinn, Lipworth & Barney,1987). Es beginnt, auch in Deutschland populr zu werden (Kabat-Zinn, 1996; 1998). Eine erste deutsche Evaluationsstudie hat ergeben,dass dieses Verfahren auch bei uns mit Vorteil eingesetzt werden kann(Majumdar, Grossman, Dietz-Waschkowski, Kersig & Walach, 2002;Majumdar & Walach, 2001) und eine Meta-Analyse zeigt, dass diesesVerfahren sowohl im psychischen als auch im krperlichen Funktions-

    730 22 Empirische Erfassung der Achtsamkeit

  • bereich signifikante Effektstrken von d = .5 aufweist2, also auch durch-aus klinisch von Relevanz ist (Grossman, Schmidt, Niemann & Walach,2004; siehe auch den Beitrag von Grosssmann et al., S. 703ff in diesemBand).

    Ein weiterer Grund fr das Interesse an solchen aus dem Buddhis-mus stammenden Konzepten fr Psychologen ist sicherlich, dass es ei-ne Reihe von Berhrungspunkten zwischen moderner psychologischerTheoriebildung, vor allem im Bereich der kognitiven Psychologie, unddem Achtsamkeitskonzept gibt (Bankart, Dockett & Dudley-Grant,2003), aber auch zwischen gestalttherapeutischen und aus dem Zenstammenden Anstzen (Frambach, 1993). Teasdale etwa hat schon voreiniger Zeit gesehen, dass das Achtsamkeitskonzept gut in die kogni-tiv-verhaltenstheoretisch-orientierte Therapie der Depression einge-gliedert werden kann (Teasdale, Segal & Williams, 1995) und mittler-weile ein manualisiertes Depressionstherapieprogramm vorgelegt, dassolche Konzepte integriert (Segal, Williams & Teasdale, 2002), nachdemsich auch empirisch gezeigt hat, dass dies Erfolg versprechend ist (Te-asdale et al., 2000). Historisch gesehen gibt es eine lngere Traditionder Berhrung und Fhlungnahme zwischen klinisch Ttigen undbuddhistischer Meditationspraxis (Bankart, 2003), die erklren hilft,warum nun offenbar eine kritische Masse von Aufmerksamkeit auchim akademischen Kontext erreicht ist.

    Ein zentrales Konzept in allen diesen Bestrebungen ist das der Acht-samkeit. Es stammt ursprnglich aus der Theravada-Tradition desBuddhismus, also aus der lteren Tradition, ist aber kennzeichnend fralle Formen der buddhistischen Meditation. Ja, man kann sogar davonausgehen, dass auch andere Formen der Meditation und Kontemplationmehr oder weniger explizit zu einer Kultivation von Achtsamkeit fhren(vgl. den Beitrag von Buchheld & Walach, in diesem Band). Achtsamkeit,oder auch rechte Aufmerksamkeit, meint dabei das aufmerksame, vor-urteilsfreie Wahrnehmen aller mentalen Inhalte, wie etwa Gedanken,Gefhle, Affekte und Krperempfindungen. Wahrnehmen allein machtaber noch nicht Achtsamkeit aus. Vielmehr gehrt ein freundlich-wohl-

    Walach et al. 731

    2 Das Effektstrkema ist Cohens d

  • wollendes Annehmen und die Fhigkeit, ohne Urteile und Kategorisie-rung bei unseren mentalen Inhalten zu sein, in ihrem Fluss und in ihremStocken, mit zu diesem Konzept dazu. Wir haben normalerweise dieTendenz, all unsere Wahrnehmungen soweit wir uns ihrer bewusstsind sofort zu kategorisieren und in meist einander ausschlieende Ka-tegorien zu ordnen, etwa gut schlecht, brauchbar unbrauchbar,erwnscht unerwnscht, mit mir und meinen Zielen kompatibel mit mir und meinen Zielen inkompatibel. Dies geschieht meist soschnell und automatisch, dass wir es oft gar nicht merken. Achtsamkeitmeint, dass wir zum einen diese unsere Kategorisierungstendenz wahr-nehmen und sie, im Idealfall, zum Halten bringen. Indem wir Inhalte, sowie sie sind, in unserem Geist prsent halten und dem Hang zum Kate-gorisieren widerstehen, haben wir die Mglichkeit, jede Erfahrung alsneu zu erleben. Dies meint das Zen-Wort vom Anfngergeist (Suzuki,2000). Es liee sich an dieser Stelle eine Brcke schlagen zu Gebsers Ideeeines integralen Bewusstseins (Gebser, 1949; 1953) und zu Atmanspa-chers Auslegung (1993) dieses Gedankens als akategorialer Wahrneh-mung. Wir mssen uns an dieser Stelle mit dieser kargen Andeutung be-gngen: Im Grunde ist die Praxis der Achtsamkeit der Versuch, den un-serem Geist inhrenten Drang zur Kategorisierung zu bremsen und zususpendieren, um bei den Erfahrungen selber verweilen zu knnen undsie als solche wahrzunehmen. Ob damit das alte europische Dilemmader Epistemologie zu lsen ist, wie eine Erkenntnis von Dingen, wie siefr sich sind, mglich ist, wre eine interessante Frage. Auf jeden Fall hatdas Programm der Achtsamkeit sehr viel hnlichkeit mit dem abendln-dischen einer reinen Phnomenologie, das von Husserl am Ausgang derModerne versucht wurde.

    Damit ist auch schon eine Warnung an alle ausgesprochen, die mei-nen, man knne Achtsamkeit einfach instrumentalisieren und in einszientistisch-operationales Weltbild einbauen, wie es weltanschaulichgesehen Taufpate beinahe der gesamten akademischen Psychologiewar. Dieses ist ja einer mehr oder weniger deutlich positivistischen Phi-losophie verdankt, die durch die kritisch-rationalistische Sicht wenigerin der Sache selbst, als in der Methodik korrigiert wurde. Das Weltbild,

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  • das vielen psychologischen Modellen zugrunde gelegt wird, geht da-von aus, dass es so etwas wie eine objektive Realitt auerhalb unseresWahrnehmungsapparates gibt. Unsere Wahrnehmung gibt uns ein Ab-bild dieser Realitt. Umgekehrt knnen wir dann verndernd auf dieseWelt einwirken. Die Psychologie hat sich damit oftmals die Epistemo-logie zu Eigen gemacht, die innerhalb der Naturwissenschaft ntzlichund erfolgreich war. Wir bersehen allerdings dabei oft, dass anders,als in diesen Wissenschaften die Psychologie ihren Gegenstandsbe-reich meistens erst entstehen lsst oder an dessen Definition durch ihreForschungshandlungen mageblich beteiligt ist. Konstrukte wie Neu-rotizismus oder eben Achtsamkeit etwa werden nicht in der Au-enwelt vorgefunden wie Silikate oder Massenbewegungen, sondernsie werden durch Abstraktionen aus der Flle der Phnomene isoliert,zunchst begrifflich, dann operational definiert und schlielich mehroder weniger brauchbar erfasst und gemessen. Dabei bersieht der an-wendende Forscher hufig die konstruktiv-relativen Aspekte seinesTuns. Wir knnen an dieser Stelle nicht vertieft auf diese Diskussioneingehen und begngen uns mit dieser Erinnerung. Eine straffere Ar-gumentation wrde den Raum sprengen und kann andernorts nach-gelesen werden (Slunecko, 1996; Slunecko & Mayer, 1999).

    Wir haben uns dennoch dazu entschieden trotz aller Problematik ,uns an die Erfassung des Konstruktes Achtsamkeit zu m