unterwegs 19/2011

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Das Magazin der Evangelisch-methodistischen Kirche

Text of unterwegs 19/2011

  • 11. September 2011ISSN 1436-607X

    Trotz allem gehalten: Was ein Leben mit Behinderung besonders macht

    Magazin der Evangelisch-methodistischen Kirche 19/2011Magazin der Evangelisch-methodistischen Kirche

    Hinschauenn Was der Generation Wodka hilft. Seite 11

    Eingreifenn Wie Pro Asyl seit 25 Jahren wirkt. Seite 12

    Lernenn Was einen christlichen Ashram ausmacht. Seite 19

  • unterwegs 19/2011 ::: 11. September 2011

    ::: Editorial2

    kurz gesagt

    So ErrEicHEn SiE unS:Redaktion unterwegs Telefon 069 242521-150 E-Mail: unterwegs@emk.deAboservice: 0711 83000-0 TI

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    unterwegs 19/2011 ::: 11. September 2011

    Genau beobachtenUnsere Gesellschaft ist im Wandel. Das betrifft natrlich auch die Art und Weise, wie wir mit Menschen umge-hen, die durch Behinderungen einge-schrnkt sind. Viel hat sich in den ver-gangenen 40 Jahren verndert. So ist es inzwischen selbstverstndlich, dass Kinder mit Behinderungen zusammen mit Kindern ohne Behinderungen un-terrichtet werden. Menschen mit Be-hinderungen haben inzwischen mehr Rechte und knnen soweit es eben geht ber ihr Leben selbst entschei-den. Behinderte Menschen werden nicht mehr zuerst an ihren Defiziten, sondern an ihren Mglichkeiten ge-messen. Am augenflligsten fr die Vernderung ist fr mich noch immer die Umbenennung der Aktion Sor-genkind in die Aktion Mensch.Dies alles ist nicht von alleine gekom-men. Engagierte Eltern kmpften und kmpfen einfallsreich und hartnckig fr ihre Kinder. Viele Mitarbeiter in Behinderteneinrichtungen setzten und setzen sich fr die ihnen anvertrauten Menschen ein. Groe Verbnde leiste-ten und leisten Lobbyarbeit, um Politik und ffentlichkeit aufzuklren. Angesichts dieser Fortschritte muss es uns alarmieren, dass es immer mehr Untersuchungen gibt, die Behinderun-gen schon im Mutterleib erkennen sol-len (siehe Seiten 6 und 10). Das erhht langfristig den Druck auf werdende Mtter, ihr krankes Kind erst gar nicht zur Welt zu bringen. Und es schafft ein gesellschaftliches Klima, in dem Behin-derung ein vermeidbares Problem der Eltern wird. Ist das die Gesellschaft, die wir wollen?Ihr Volker Kiemle

    MaSSivE EinScHrnkungEn mssen die Methodisten auf den Fidschi-Inseln im Sdpa-zifik hinnehmen. So hat die Militrregierung bis auf die sonntglichen Gottesdienste alle Veranstaltungen der Gemeinden und der Kirche verboten. Betroffen ist auch die Jhrliche Konferenz, die nun schon das vierte Jahr in Folge untersagt wurde. Die Regierung wirft den Metho-disten politische Aktivitten vor. Etwa 65 Prozent der rund 900.000 Einwohner Fidschis sind Christen. Die methodistische Kirche ist die grte und einflussreichste der Inselrepublik. Sie ist als einzige der dortigen Kirchen von den Repressalien betrof-fen. Der Weltrat Methodisti-scher Kirchen hat zum Gebet fr die Methodisten auf den Inseln aufgerufen.

    rEicHE SoLLEn MEHr STEuErn BEzaHLEn. Das fordert der Ratsvorsitzende der Evange-lischen Kirche in Deutsch-land, Nikolaus Schneider. In der gegenwrtigen Finanzmarktkrise sei es nur gerecht, wenn starke Schul-tern mehr stemmen. Es soll-ten jene mehr Steuern zah-len, die 20 Jahre lang von der Entwicklung profitiert haben, whrend die meisten anderen zu den Verlieren zhlen. Auslser der Debatte in Deutschland sind Plne Frankreichs zu einer Sonder-abgabe fr Reiche, um die aktuelle Schuldenkrise zu berwinden.

    groSSE ForTScHriTTE in dEr kuMEnE sind derzeit nicht zu erwarten. Das hat der Sekretr der katholischen

    Deutschen Bischofskonfe-renz, Pater Hans Langen-drfer, gesagt. Bedeutend sei schon der geplante Besuch von Papst Benedikt XVI. im Erfurter Augustiner kloster, in dem Martin Luther lebte. Der Papst wird nach seinen Worten die Rolle Luthers und der Reformation wrdigen. Benedikt XVI. besucht Deutschland vom 22. bis 25. September.

    EinE aggrESSivE iSraEL- FEindScHaFT, die auch in Judenhass umschlgt, hat der Zentralrat der Juden in Deutschland an den Rndern der deutschen Gesellschaft festgestellt. Das betreffe neben klassischen Faschisten auch manche Linke und Teile der musli-mischen Bevlkerung, vor allem unter Jugendlichen, sagte Zentralratsprsident Dieter Graumann in einem Interview. Er uerte die Hoffnung auf eine bessere Zusammenarbeit des Zentralrats mit den muslimischen Gemeinden.

    Ein kaTHoLiScHEr PriESTEr in der niederlndischen Gemeinde Liempde hat es abgelehnt, einen nach aktiver Sterbehilfe Verstor-benen kirchlich beizusetzen. Die Angehrigen mussten fr die Trauerfeier in eine Kirche in Sint Oedenrode ausweichen, wie der regionale Rundfunk berichtete. Die rmisch- katholische Kirche lehnt offiziell aktive Sterbehilfe ab. Menschen, die sich dafr entscheiden, htten keinen Anspruch auf kirchliche Beisetzung. epd/kie

  • Titelthema: Behindert ja und? ::: 3

    unterwegs 19/2011 ::: 11. September 2011

    Boten der liebe GottesMenschen mit geistiger Behinderung sind etwas Besonderes. Das ist auch in Gemeinden zu spren, in denen es solche Menschen gibt. Cornelia Trick, Pastorin in Neuenhain/Taunus, und Jgen fleck, Pastor in Dillenburg (Hessen), haben solche besondere Jugendliche im Kirchlichen Unterricht begleitet und eingesegnet.

    Schon seit dem Krabbelalter war Johannes unser ganz besonderes Gemeindekind. Durch ein Down-Syndrom entwickelte er besondere Fhigkeiten. Seine Begabung, sich in andere einzufhlen, lie ihn sehr sensibel auf seine Mitmenschen reagieren, sie trsten, wenn sie traurig waren, sich mit ihnen freuen, wenn sie frhlich waren. Die Kirchliche-Un-terricht-Gruppe, zu der noch sieben andere Jugendliche gehrten, liebte er. Gerne war er dabei, wenn wir lachten, Anspiele einbten, Gebetsgemeinschaften hielten oder wenn die Jungs mal wieder einen Streich ausheckten.

    Whrend der Beschftigung mit inhaltlichen Fragen der Bibel und des Glaubens hatte ich ihm ein Buch mit Bildern zu biblischen Ge-schichten besorgt, die wir miteinander bespra-chen, whrend die anderen Stillarbeit mach-ten. Es waren seine Geschichten, die er ver-stand und die in sein Herz eingedrungen sind. In der zweiten Hlfte der Unterrichtsstunden zog sich Johannes zurck, setzte sich in eine

    Ecke des Raums und beobachtete uns von Weitem. Er war glcklich. Die Jugendlichen integrierten und respektierten ihn und nahmen Anteil an seinem Leben. Er gehrte dazu.

    Johannes frchtet sich vor dem hohen vor-deren Bereich unseres Gottesdienstraums. So war die Frage, wie er gesegnet werden konnte, ohne in den vorderen Altarraum zu mssen. Wir bauten die Kirche einfach um und feierten die Einsegnung in der Mitte des Raumes, wo die Decke noch niedrig ist.

    Johannes ist immer noch mittendrin in un-serer Gemeinde. Er ist der Erste, der merkt, wenn jemand im Gottesdienst oder im Jugend-kreis besonderen Trost braucht. Dann steht er auf und nimmt dessen Hand. Krzlich haben wir ihn in die Kirchengliedschaft aufgenom-men. Er kann zwar nicht die Aufnahme-Fra-gen intellektuell durchdringen, doch er hat Je-sus im Herzen, er gehrt zu uns und er ist ein Bote von Gottes Liebe in dieser Welt.

    Cornelia Trick

    Es war im Jahr 2007, als ich die Anfrage erhielt, ob es mglich ist, einen geistig eingeschrnkten Jungen mit den ande-ren Jugendlichen des Kirchlichen Unterrichts einzusegnen. Der Junge be-suchte eine Frderschule fr geistig und krperlich Be-hinderte. Dort er teilte eine Behindertenseelsorgerin so-wohl Religions- als auch Konfirmanden unterricht stellvertretend fr die jewei-ligen Kirchengemeinden. Ich habe mit der Behindertenseelsorgerin Kon-takt aufgenommen und den Konfirmanden-unterricht an der Frderschule wiederholt besucht. Es erfolgte auch ein Besuch der Schler mit ihrer Seelsorgerin in unserer Ge-meinde zu einem rtlichen Unterricht. Der Unterricht war sehr einfach, hnlich einer

    Vorschule, doch sehr intensiv und Vertrauen strkend, da zum Beispiel wiederholt der Tod eines Klassenkameraden verarbeitet werden musste.

    Die Einzusegnenden kannten den Jungen und waren mit dieser besonde-ren Situation einverstan-den. Im Einsegnungsgottes-dienst bernahm er eine kurze vorher eingebte Le-sung. Wie die anderen stell-te er einen eigenstndigen

    thematischen Beitrag vor, der aus einer selbst erarbeiteten Version des Psalms 23 bestand, den er auswendig mit Gegenstnden veran-schaulichend prsentierte. Der Gottesdienst bildete eine schne Einheit, auch wenn die Wege der Jugendlichen dorthin unterschied-lich waren. Jrgen Fleckfo

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  • ::: Titelthema: Behindert ja und?

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    Fr werdende Eltern gibt es wohl kaum Schlim-meres, als vom Arzt erfahren zu mssen, dass sie ein schwerbehindertes Kind erwarten oder mit dem schnellen Tod nach der Geburt rechnen mssen. Die Frauen sind dann im fnften oder sechsten Schwangerschaftsmonat, haben das Baby gesprt und ihm vielleicht schon einen Namen gegeben. Nach der Diagnose stehen sie vor der Frage, ob sie das Kind abtreiben lassen.

    Fr diese Phase nach einer prnataldiagnostischen Untersuchung (PND) hat der Bundestag im Mai 2009 eine erweitere Beratungsregelung verabschiedet, die seit 2010 in Kraft ist. Sie sieht drei Tage Bedenkzeit vor und verpflichtet den Arzt, die Schwangere umfassend zu beraten und zustzlich auf unabhngige Beratungs-stellen hinzuweisen. Die Frau ist nicht verpflichtet, die Beratungsstelle aufzusuchen.

    Der Chefarzt der DRK-Frauenklinik in Berlin-Westend, Heribert Kentenich, beobachtet seit der

    Neuregelung eine berwiegend positive Vern-derung. Die Pflicht zur Beratung werde ernst-

    genommen, die Schwangeren htten mehr Zeit, ihre Entscheidung zu treffen. Es

    gibt gute Praxen und gute Berater, sagt der Gynkologe.

    Defizite sieht Kentenich aller-dings noch bei rzten: Es ist vielen rzten, die selten mit Schwangerschaftsabbruch nach PND zu tun haben, nicht klar, da