unterwegs 17/2011

  • View
    229

  • Download
    1

Embed Size (px)

DESCRIPTION

Das Magazin der Evangelisch-methodistischen Kirche

Text of unterwegs 17/2011

  • 14. August 2011ISSN 1436-607X

    Leben mit Demenz

    Magazin der Evangelisch-methodistischen Kirche 17/2011Magazin der Evangelisch-methodistischen Kirche

    Wissenn Wie wirkt sich diese Krankheit aus? Seite 8

    Alltagn Wie Betroffene leben. Seite 10

    Pflegen Was Angehrigenhilft. Seite 16

  • unterwegs 17/2011 ::: 14. August 2011

    ::: Editorial2

    kurz gesagt

    So ErrEichEn SiE unS:Redaktion unterwegs Telefon 069 242521-150 E-Mail: unterwegs@emk.deAboservice: 0711 83000-0 TI

    TElf

    oTo

    : Cl

    AuS ArN

    old

    ; foTo

    HANd: CH

    rIST

    opH

    pSC

    HNEr

    unterwegs 17/2011 ::: 14. August 2011

    Fr rgEr Sorgt der neue Bun-desfreiwilligendienst (BFD). Angesichts vieler unbesetzter Dienstpltze hat das Bundes-ministerium fr Familie, Senioren, Frauen und Jugend nun angekndigt, Pltze des Freiwilligen Sozialen Jahrs (FSJ) nur noch finanziell zu frdern, wenn der Trger fr jeweils drei FSJ-Stellen auch zwei BFD-Stellen besetzt. Die Trger des Freiwilligen Sozialen Jahres befrchten deswegen, dass durch die neuen Frderrichtlinien knstlich Teilnehmer fr den Bundesfreiwilligendienst geworben werden sollen auf Kosten des FSJ.

    gEiStLichE bEWErtEn kann man auf der Internetseite Hir-tenbarometer.de. Unter dem Motto Auch Gott braucht Feedback ging das kommerzielle Bewertungs-portal fr evangelische und katholische Geistliche vor wenigen Monaten online. Dahinter stecken Jungunter-nehmer aus Karlsruhe. Einer von ihnen ist Andreas Hahn. Die Idee von Hirtenbaro-meter ist, dass auch pastora-le Arbeit Qualitt haben soll, sagt er. Deshalb wolle die Seite einen Dialog dar-ber ermglichen, was gut laufe und was nicht. In den Kategorien Gottesdienst, Glaubwrdigkeit, Am Puls der Zeit, Jugend- und Senio-renarbeit knnen Nutzer bis zu sechs Punkte vergeben.

    gEgEn EinSAtz Von MiLitr in Somalia hat sich der neue Leiter der Diakonie Katas-trophenhilfe, Martin Kessler ausgesprochen. Die Forde-rung nach einem militri-

    schen Eingreifen der Ver-einten Nationen oder ande-rer auslndischer Truppen fhrt in die Irre, sagte der 47-jhrige Agraringenieur.

    SPEkuLAtionEn um den Jngs-ten Tag sind in den USA vor dem Hintergrund des Ringens um eine Abwen-dung des Staatsbankrotts aufgelebt. Auch die Ge-schfte mit Endzeitliteratur florieren.

    EinE kirchLichE ErFoLgSgESchichtE ist der Chris-tus-Pavillion im thringi-schen Ort Volkenroda. Rund 40.000 Menschen besuchen ihn jedes Jahr. Seit 2001 nutzen die Jesus-Bruderschaft und die mit-teldeutsche Landeskirche das ehemalige Kirchenge-bude der Weltausstellung EXPO 2000 in Hannover fr Gottesdienste, Festivals Tagungen und Konzerte. Auch das Bundesjugend-treffen der EmK fand in diesem Jahr dort statt. Manchmal beobachtet der am Pavillon ttige Pfarrer Albrecht Schdl sogar Brautpaare, die von weit-her kommen, um sich vor dem Gebude fotografieren zu lassen. Kirchlich gehei-ratet haben sie nicht. Aber das moderne Gotteshaus begeistert auch die Kir-chenfernen. epd/idea/lassiwe

    Das Schweigen ist gebrochen.Immer mehr Menschen sprechen ber Demenz. Der Schriftsteller Ar-no Geiger zum Beispiel beschreibt in seinem Buch Der alte Knig in seinem Exil, wie die Alzheimer-Er-krankung die Persnlichkeit seines Vaters vernderte. Es war fr ihn ein schmerzlicher Prozess, mitzuerle-ben, wie die Sprache aus ihm he-raus sickerte.Kein Wunder, dass wir diese Krank-heit frchten. Sie fhrt dazu, dass Menschen sich auch in ihrer ge-wohnten Umgebung nicht mehr Zu-hause fhlen. Sie drohen, im eigenen Leben heimatlos zu werden.Diese Krankheit ist eine groe He-rausforderung gerade auch fr die Angehrigen. Sie mssen erleben, wie der Abstand zum Erkrankten immer grer wird. Frauen verste-hen ihren Ehemann nicht mehr, Kinder ihre Eltern und umgekehrt. Deswegen mssen wir darber re-den, denn an Demenz Erkrankte und deren Angehrige brauchen Untersttzung.Wir haben in dieser Ausgabe von unterwegs viele Informationen zusammengetragen. Was eigentlich ist Demenz? Was erleben die Betrof-fenen und die Angehrigen? Kann man Demenz therapieren? Wie sind Gemeinden gefordert? Wir hoffen, dass Ihnen all das weiterhilft. Denn eines ist klar: Die Demenz kann man nicht wegschweigen. Wir ms-sen reden.

    Eine gute Lektre wnscht Ihnen Michael Putzke

  • unterwegs 17/2011 ::: 14. August 2011

    Titelthema: Leben mit Demenz ::: 3

    foTo

    S: EvA

    NgEl

    ISCH

    E So

    NNTA

    gS-ZE

    ITuNg

    Noch ein Tnzchen gegen das vergessenTanzen tut gut das ist sogar wissenschaftlich bewiesen: durch die Bewegung werden verschiedene Bereiche des gehirns aktiviert. das kann auch Alzheimerpatienten helfen. Einrichtungen fr Betroffene machen sich dies zu Nutze und bitten demente zum Tanz. renate Haller hat eine Tanzgruppe fr demente und ihre Angehrigen in Wiesbaden besucht.

    Die meisten Gste haben sich hbsch gemacht. Eine ltere Dame trgt einen breitkrempigen, hellen Sommerhut, eine andere hat reichlich Schmuck angelegt. Zum Tanz-Caf des Diakonischen Werks in Wiesbaden sind rund 30 Frauen und Mnner gekommen die Frauen sind etwas in der berzahl. Organisiert wird das Tanz-Caf vor allem fr Men-schen mit Demenz und deren Angehrige; willkommen sind aber auch alle anderen, die sich im Takt alter Schlager bewegen wollen.

    Es ist hei an diesem Samstagnachmittag. An der Rckseite des groen Saals, den der Wiesbadener Tanz-Club Blau-Orange zur Verfgung gestellt hat, ist eine groe Tr geffnet. Ein lteres Paar dreht dort seine ruhigen Runden zu dem Schlager Tulpen aus Amsterdam aus den 1950er Jahren. Eine Drei-Mann-Combo, bestckt mit Schifferklavier, Trompete und Gitarre, spielt den Evergreen. An der hohen Decke

    hngen orangefarbene und blaue Luftballons. Maria und Waldemar Heck sitzen noch beim Kaffee an einem der langen Tische. Das Paar kommt gerade vom Mit-tagstisch der Alzheimer Gesellschaft, der monatlich angeboten wird. Ich bin dankbar fr jedes Angebot, sagt Maria Heck. Ihr Mann ist seit drei Jahren dement. Sie kmmert sich rund um die Uhr um ihn und ist froh, wenn sie sich mit anderen Betroffenen austauschen kann. Denn eigentlich, sagt die 71-Jhrige, sei es in ihrer Partnerschaft schon ziemlich ruhig geworden. Bei den Treffen mit anderen Betroffenen aber gibt es kei-ne Hemmungen.

    Melodie und rhythmus bleiben im gedchtnisAlle haben hnliche Probleme und Verstndnis frei-nander. Beim Tanz-Caf ist das Ehepaar Heck zum zweiten Mal. Ich htte nie gedacht, dass mein Mann und ich noch einmal miteinander tanzen werden,

  • L R

    LR

    L

    ::: Titelthema: Leben mit Demenz

    unterwegs 17/2011 ::: 14. August 2011

    4

    sagt Maria Heck und hat dabei Trnen der Rhrung und auch der Freude in den Augen. Ihr Mann vergisst zwar, welcher Tag heute ist, ob er sich am Morgen ra-siert hat und dass seine Schulzeit schon lange hinter ihm liegt, aber Tanzen kann der 88-Jhrige noch im-mer. Die Fe laufen einfach los, erklrt das die Gerontologin Ursula Frhauf vom Diakonischen Werk. Melodie und Rhythmus vergesse man auch durch eine Altersdemenz nicht. Vertraute Klnge weckten Erinnerungen und knnten Geborgenheit ge-ben, wo ansonsten hufig Desorientierung dominiert.

    Auf der Tanzflche hat sich inzwischen eine Polo-naise gebildet. Dem Alter angemessen langsam, aber dennoch frhlich zieht die Schlange durch den Saal. Die Menschen wiegen sich im Rhythmus der Musik und lachen miteinander. Wer noch sitzt, wird zum Mit-machen aufgefordert, nachhaltig gentigt aber wird niemand. Die Menschen sollen Spa haben und sich wohl fhlen, betont Frhauf.

    Auch rock n roll geht nochTanzen fr Menschen mit Demenz wird seit einigen Jahren in vielen Stdten angeboten. Stefan Kleinstck vom Demenz-Servicezentrum Nordrhein-Westfalen in Kln nimmt fr seine Einrichtung in Anspruch, die erste gewesen zu sein, die Tanzveranstaltungen regel-mig und vor allem ffentlich angeboten hat. Wir

    wollen Demenz doch enttabuisieren, deshalb muss das einfach in der ffentlichkeit passieren, sagt Kleinstck. Seit dem Welt-Alzheimertag im Septem-ber 2007 bittet das Demenz-Servicezentrum ge-meinsam mit einer Tanzschule monatlich zum

    Tanz. Alzheimerkranke verlieren ihr kognitives Ge-dchtnis, die sinnliche Wahrnehmung aber bleibe er-halten, sagt der Krankenpfleger, Sozialarbeiter und Betriebswirt Kleinstck. Sie sprten es, ob sie etwa im umgerumten Speisesaal des Seniorenheims tanzen oder in einer neuen Umgebung.

    Etwa 30 bis 40 Besucher, so Kleinstck, drehen sich in Kln regelmig zu den Klngen alter Schlager. Tanzlehrer Hans-Georg Stallnig hat fr diese Nach-mittage ein spezielles Programm entwickelt. Los geht es immer mit einem Walzer, gefolgt von Swing, Step und Rock n Roll. Dazu gebe es ein Schlager-Quiz. Wer dabei am erfolgreichsten ist, sagt Kleinstck, wird von Stallnig zu einem Rock n Roll auf die Tanzflche gebeten. Mit einem Tanzkurs sind die Veranstaltungen dennoch nicht zu verwechseln. Zwar werden auch immer wieder einfache Schrittfolgen gezeigt, im We-sentlichen aber tanzen die Besucher die Schritte, die sie in frheren Jahren abgespeichert haben. Denn wer in jungen Jahren keinen Spa am Tanzen hatte, wird es im Alter wohl nur in Ausnahmefllen versuchen.

    raus aus der isolationIn Wiesbaden sitzt Herbert Kttner an einem der lan-gen Tische. Der 81-Jhrige verschnauft ein wenig und sieht zu, wie seine Frau Lieselotte mit Tanja Kadesch tanzt, eine der Ehrenamtlichen, die fr das Diakoni-sche Werk wchentlich eine Nachmittagsbetreuung fr Demente anbieten. Die 86-jhrige Lieselotte l-chelt, hlt die junge Betreuerin an beiden Hnden und dreht sich mit kleinen Schritten im Kreis. Frher ha-ben wir viel getanzt, erinnert sich Herbert Kttner,

  • unterwegs 17/2011 ::: 14. August 2011

    Titelthema: Leben mit Demenz ::: 5

    jetzt freuen wir uns ber diese Gelegenheit. Er be-treut seine kranke Frau seit zehn Jahren. Was frher war, das wei sie sehr gut, was erst krzlich geschehen ist, bl