unterwegs 22/2010

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Das Magazin der Evangelisch-methodistischen Kirche

Text of unterwegs 22/2010

  • 24. Oktober 2010ISSN 1436-607X

    Mrtyrer: Zeugen des Glaubens

    Fantasie in der Kirchen Wie wir die gttliche Logik erkennen knnen. Seite 9

    Grben in der Stadtn Hintergrnde zum Protest gegen Stuttgart 21. Seite 10

    Bibel auf der Inseln Was Robinson Crusoe mit Methodismus zu tun hat. Seite 20

    Magazin der Evangelisch-methodistischen Kirche 22/2010Magazin der Evangelisch-methodistischen Kirche

  • ::: Vorweg2

    kurz gesagt

    So erreIchen SIe unS:Redaktion unterwegs Telefon 069 242521-150 E-Mail: unterwegs@emk.deAboservice: 0711 83000-0

    chrIStlIche MInderheIten werden in den Katastrophen-gebieten Pakistans bei Hilfs- und Aufbaumanahmen benachteiligt. Das hat das christliche Hilfswerk Open Doors (Kelkheim bei Frank-furt am Main) mitgeteilt. Partnerorganisationen in Pakistan htten ber 1.000 Meldungen dokumentiert, in denen Christen von Benach-teiligung bei der Verteilung von Hilfsgtern berichten. Manche wrden zum ber-tritt zum Islam aufgefordert, wenn sie Hilfe erhalten wollten.

    dIe Schuld der eVanGelI-Schen KIrche gegenber Frauen hat der bayerische Landesbischof Johannes Friedrich bekannt. Viel zu lange habe sie Frauen den gleichberechtigten Zugang zum Pfarramt verweigert, sagte er beim 75. Jubilum des bayerischen Theologin-nenkonvents in Nrnberg. Unzhlige Frauen htten bitter und erniedrigend erfahren mssen, dass ihr Zeugnis in der Kirche nichts galt. Das habe tiefe Wunden geschlagen. Die bayerische Landeskirche fhrte 1975 gegen erhebliche innerkirch-liche Widerstnde als eine der letzten evangelischen Kirchen in Deutschland die Frauenordination ein.

    KrItIK Von den MedIen mssen Religionsvertreter aushalten. Das hat der Men-schenrechtsexperte Heiner Bielefeldt (Erlangen) betont. Ohne Meinungsfreiheit gibt es auch keine Religionsfrei-heit, sagte er bei einer Tagung in Nrnberg.

    Religise Empfindlichkeiten drften daher kein Grund fr Einschrnkungen der Medienfreiheit sein. Sensible Themen wie Zwangsverhei-ratung, Burka, Ehrenmord oder sexueller Missbrauch drften nicht tabuisiert werden. Bielefeldt ist Professor fr Menschen-rechte an der Universitt Erlangen- Nrnberg und als erster Europer UN- Sonderberichterstatter fr Religions freiheit.

    PFarrer VolKer SchulZ ist zum Bischof der Brder- Unitt eingesegnet worden. Der 52-Jhrige ist Pfarrer der Herrnhuter Brder-gemeine in Basel. Er wuchs in Knigs feld (Schwarzwald) auf und studierte in Bethel, Berlin, Zrich und Heidel-berg Theologie. Seinen Pfarrdienst versieht er seit 1983 in der Brder-Unitt. Seit 2005 ist Schulz Prsident der Herrnhuter Mission in der Schweiz. Das Bischofsamt ist in der Brder-Unitt ein seelsorger-liches Amt fr die gesamte Kirche. Die uere Leitung der Kirche gehrt nicht zum Auftrag der Bischfe.

    MIt 35 MIllIonen euro untersttzt die Bundes-regierung die Feiern zum 500. Jubilum der Reforma-tion im Jahr 2017. Das er-klrte Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) krzlich vor dem Kultur-ausschuss des Deutschen Bundestags. Jhrlich seien fnf Millionen Euro fr die Luther dekade in seinem Etat.

    epd / idea / B. Lassiwe

    Gott hat gewonnen! Dieser Satz ging um die Welt, nachdem eine Rettungskapsel die ersten Bergleute in der chilenischen Atacama-Wste aus einem eingestrzten Schacht herausgeholt hatte. 70 Tage waren sie in 700 Metern Tiefe einge-schlossen. Am 13. Oktober schaff-ten die Bergungsmannschaften, was viele nicht fr mglich gehalten hatten: Alle 33 Eingeschlossenen wurden wohlbehalten gerettet. Die Medien sparten nicht mit Schlagzeilen: Das Wunder von Chile oder Gott ist ein Kumpel war zu lesen. Die Erde hat einen Sohn geboren, sagte ein TV-Re-porter vor Ort. Als Symbol der Hoffung fr die ganze Welt wurde die Rettungsaktion gefeiert. Bilder von betenden Menschen gingen um die Welt. Zugegeben: Es fllt mir schwer, manchen Medien den pltzlichen Anfall von Religiositt abzuneh-men. Das meiste ist einfach zu dick aufgetragen. Ich bin auch dagegen, religise Gefhle medial auszu-schlachten. Aber ist es nicht trst-lich zu erleben, dass dort, wo Worte fehlen und das bliche Dauerge-schwtz verstummt, Menschen Gott entdecken? Das macht mir Mut, auch in den weit weniger dra-matischen Situationen meines All-tags fest mit Gottes Wirken zu rechnen. Wunder gibt es nmlich nicht nur in der Atacama-Wste, sondern auch direkt vor meiner Haustr. Ihr Volker Kiemle Redaktionsleiter

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  • kurz gesagtVerfolgt um des Glaubens willen ::: 3

    Eine evangelische Kirchengemeinde, irgendwo in Berlin. 15 Mnner und Frauen haben sich am Sonntagnachmittag zusammengefunden, singen persische Lieder, sprechen Gebete. Vor dem Altar steht ein lterer Mann mit Brille, ganz in Schwarz gekleidet. Es ist Sadegh Sepheri. Der ehemalige Generalsekretr der iranischen Bibelgesellschaft trat als junger Mann vom Islam zum Christentum ber. Schon an der muslimischen High-School interes-

    sierte ich mich fr die Religion, sagt Sepheri. Aber auf seine Fragen erhielt er nie befriedigende Antwor-ten. Im Iran, noch zur Zeit des Schah-Regimes, mach-te er sich auf die religise Suche. Ich habe Gottes-dienste der Bahaii besucht, aber auch dort wurde ich nicht glcklich, sagt Sepheri. Ein christlicher Arbeits-kollege schenkte ihm ein Neues Testament. ber ihn lernte Sepheri einen Pastor aus Armenien kennen. Der lud mich in eine Hausgemeinde ein. Dort mach-te Sepheri eine Entdeckung: An der Wand hing ein Bilderrahmen, darin drei Worte: Gott ist Liebe. Ich kannte mehr als 1.000 Namen Allahs aus dem Koran, aber dass Gott Liebe ist, habe ich dort nicht gelesen, erinnert sich der Pfarrer.

    Der Iraner begann, im Neuen Testament zu lesen. Regelmig besuchte er die Hausgemeinde und lie sich schlielich taufen. Danach schloss er sich einer presbyterianischen Gemeinde an. Die dortigen Men-schen habe ich nach dem Gottesdienst oft nicht ver-standen, erzhlt er.Nach einiger Zeit begann er, seinen Mitmenschen

    von seiner Taufe zu erzhlen. Mein Chef wurde w-tend und beschimpfte mich, sagt Sepheri. Auf An-weisung seines Chefs musste er abends in ein Haus kommen, in dem ein muslimischer Geistlicher lebte. Ich sollte mit ihm sprechen und mich von ihm wieder zum Islam bekehren lassen, sagt Sepheri. Aber ich habe einen Fehler gemacht: Ich habe gegen den Koran argumentiert, anstatt die Vorzge des Christentums hervorzuheben. Sepheri schuf sich Feinde. Ein Killer wurde auf ihn angesetzt. Ein Mitarbeiter auf dem Basar hat mich davor gewarnt, sagt Sepheri. Sonst wre ich heute schon tot. Sepheri behielt das Leben, verlor aber seine Arbeitsstelle.

    Als Traktatverteiler half er in der iranischen Bibel-gesellschaft aus. Er besuchte die Bibelschule der pres-byterianischen Gemeinde in Teheran. Nach verschie-denen Seelsorgettigkeiten wurde er zum Pastor ordi-niert und begann, als Generalsekretr der iranischen Bibelgesellschaft zu arbeiten. Dann kam die islami-sche Revolution. Immer wieder wurde der Pastor ver-haftet. Schlielich legte man ihm ein vorgefertigtes Gestndnis vor, wonach er Spion des Westens gewesen sei, und forderte ihn auf, dieses Papier binnen eines Monats zu unterschreiben. Als Christ lge ich nicht, und ich war kein Spion des Westens, sagt Sepheri. 1989 verlie er den Iran, fr immer.

    Heute ist Sepheri in ganz Europa aktiv. In Berlin und zahlreichen anderen Stdten betreut er iranische Ge-meinden. Waren es erst nur Flchtlinge aus den christ-lichen Gemeinden Persiens, versammeln sich heute auch viele Muslime, die in Europa zum Glauben ka-men, in den Gottesdiensten Sepheris. Seit 1989 habe ich rund 450 Menschen getauft, schtzt Sepheri.

    Bekehrt zum Gott der LiebeSadegh Sepheri trat als junger Mann vom Islam zum Christentum ber. Trotz vieler Widerstnde hielt er daran fest und wurde sogar Generalsekretr der iranischen Bibelgesellschaft. Benjamin Lassiwe hat ihn getroffen.

    BENjaMIN LaSSIWEist freier journalist und spezialisiert

    auf Themen rund um Kirche und Diakonie.

    Er lebt in Berlin.

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    Was genau ist eigentlich ein Martyrium?hSeyIn cIceK: Martyrium wird heute meist gleichgesetzt mit Leiden und taucht daher in-flationr auf vor allem in den Medien. Wenn man aber zum Ursprung zurckgeht, so landet man beim jdischen Begriff Kiddush Hashem, was so viel bedeutet wie Heiligung des gttlichen Namens. Das heit, jede glubige Jdin und jeder glubige Jude, die oder der nach den Geboten und Gesetzen des Judentums lebt, ist eine Zeugin beziehungsweise ein Zeuge des Judentums. Stirbt ein solcher Zeuge, wird er gleichzeitig zum Mrtyrer. Das ist auch sehr wichtig fr das Verstndnis des muslimischen Mrtyrerbe-griffs. Dort heit der entsprechende Begriff Fi sabil Allah, was so viel bedeutet wie Auf dem Wege Gottes. Auch hier gilt: Wer alle Gesetze und Gebote beachtet, ist ein Zeuge des Islam und wird, wenn er stirbt, zum Mrtyrer.

    Und wie ist das im Christentum?hSeyIn cIceK: Ganz anders! Da haben wir Jesus Christus, den Gottessohn, der ein normschaffendes Vorbild fr alle Christen ist. Diese Imitatio Christi, also die Aufforderung, Christus nachzufolgen, ist fr das Christentum grundlegend. Und dazu gehrt auch das Leiden, das Jesus Christus durchstehen musste.

    Das ist ein ganz anderes Modell als im Judentum und im Islam! Die Propheten im Islam und Judentum etwa Mohammed und Moses sind gleichzeitig Heer-fhrer und geistliche Fhrer. Das gibt es im Christentum nicht: Jesus ist ein spiritueller Fhrer und nimmt daher eine ganz andere Rolle ein. In der heutigen westlichen Welt bedeutet Martyrium meist nur, dass jemand gelitten hat. Das verkrzt den Begriff erheblich.

    Gibt das Martyrium der Religion Sinn?hSeyIn cIceK: In erster Linie ist es Gott, der seine Gesetze und Gebote den Menschen offenbart, auf den sich die Religion grndet! Das gilt fr all